Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Karl Emil Franzos
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 215 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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215 lehrling und verliebt sich in dessen Schwester. Diese Liebe, eine wunderbare Idylle, wird ohne jede Sentimentalität geschildert: der stämmige Bursche gewinnt die Achtung des Mädchens durch die kräftigen Prügel, die er zu erteilen vermag, das Mädchen gewährt das erste Zeichen seiner Neigung durch Speisen, die sie dem Burschen zusteckt. Die Liebe bleibt nicht ohne Folgen. Um der Geliebten etwas zu verschaffen, will er dreihundert Gulden annehmen, um sich als Ersatzmann beim Militär unzubieten; dies unterläßt er auf Bitten des Mädchens; da trifft ihn das Unglück, zum Soldaten ausgehoben zu werden. Nach 20 Jahren kehrt er zurück. Seine Geliebte hat sich verheiratet, ihr und sein Sohn ist von dem Onkel, jenem früheren Mitgesellen, an Kindesstatt ausgenommen. Nun verrichtet Moschko das große Sühnewerk. Er lebt im ärgsten Elend, vertreibt sich seine Zeit und verdient sich sein Trinkgeld als Aufschneider und Lustigmacher; da er aber bemerkt, daß sein Sohn durch seine Erzählungen angereizt, Soldat werden will, gesteht er ihm seine Lügen und will, nachdem er von jenem das Versprechen erlangt, von seiner Soldatenlust zu lassen, in den Tod gehen. Die Beichte, die er dann als Sterbender dem Arzt ablegt — in dieser Figurhat Franzos wie so oft seinen edlen Vater gezeichnet — die kurze Stunde, in der er die Heißgeliebte wiedersieht, das ist alles von einer so poetischen Kraft, einer so hinreißenden Gewalt, daß das Werk nicht laut und nicht energisch genug gerühmt werden kann. Außer diesem Helden der Entsagung, diesem wahrhaften Märtyrer sind die übrigen Personen: .Heiratsvermittler, Handwerker, Mitglieder der Assen- Uerungskommission, christliche Beamte, Vorsteher der jüdischen Gemeinde eindrucksvoll geschildert. Gerade in diesem Beispiele zeigt sich die Art der Kontrastwirkung, die schon oben als eine der Eigentümlichkeiten Franzos'scher Kunst Hervorgehoben wurde: aus der einen Seite der prächtige Mensch, der für Vaterland, Glauben, Liebe leidet und sein Elend wie ein Held trägt; er macht keine Anstalten bie Geliebte zu verraten unb unterläßt es mit wahrhaftem Heroismus sich seinem Sohn zu erkennen zu geben; auf 14*