Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Karl Emil Franzos
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 208 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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208 Mar und Thekla so sehr gerührt. Wenn ich das Drama lese, wirkt es garnicht mehr auf mich. Und hier war ich von der mit Recht „unmöglich" genannten Sentimentalität ganz ergriffen. Auch das riesige, ausverkaufte Haus war mir interessant. Solche Andacht, solche Hingabe. Rings nur mich nur Frauen und Backfische. „Ja, ff ischt eben unser Schiller", sagte die alte Frau in der Loge neben mir. „Uebermorgen ischt sei Geburtstag". So ist es doch wenigstens für Schwaben wahr, was ich einst geschrieben habe, daß Schiller nur geboren, aber nicht gestorben ist". Als diejenigen, die den tiefsten und nachhaltigsten Einfluß auf ihn geübt hätten, bezeichnete Franzos Goethe und Heine. Wie eingehend und für die Literaturwissenschaft förderlich er sich mit Goethe beschäftigte, ist eben hervorgehoben worden; eine bestimmte Art der Einwirkung Goethes läßt sich freilich nicht erkennen. Tie Lyrik, in der Goethe unerreichter Meister ist, war nicht Franzos' eigenstes Gebiet, obgleich ihm bei Gelegenheit manch trefflicher Vers gelang und zwischen Goethes abgeklärtem, ruhigem Stil und Franzos lebhaft-temperamentvoller Ausdrucksweise läßt sich kaum eine Ähnlichkeit feststellen. Aber für Goethes Wesen und Werke besaß er ein tiefes Verständnis; sie wird bezeugt durch das schöne Wort: „Dieser größte Dichter, dieser größte Mensch, der einem immer näher wächst, je älter man wird." Heines Beeinflussung dagegen ist ersichtlicher. „Er sagte" (ich bediene mich hier der Ausführung R.M. Meyers in der Zeitschrift „Die Nation" S. 299 ff. 1904) „wohl im Scherze von sich selbst, daß er ein Prosageschäft habe; doch aber hat die Heinesche Mischung von Sentimentalität und Ironie auf ihn vor allem in der lyrischen Färbung seiner besten Erzählungen gewirkt, und, wenn er Heine vor allem so auffaßte, wie der erste Impressionist sich vor allem aufgefaßt wissen wollte: als den tapferen Soldaten im Befreiungskriege der Menschheit, so ist auch hier Franzos sein Schüler gewesen und zwar mit ehrlicherer Hingabe und festerer Konseguenz als der ungezogene Liebling der Grazien."