Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Karl Emil Franzos
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 197 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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197 Bibel auswendig kann, mit Scharfsinn über talrnudische Dinge disputiert, gelehrte und erbauliche Predigten hält, wird vor: Franzos höchst anschaulich, mit geradezu erschütternder Wirkung geschildert. Die wahre Wissenschaft existiert für diese Menschen nicht. Das Lesen deutscher Bücher wird als Abfall betrachtet, die Hinneigung zur Naturwissenschaft, im Gegensatz zu dem hergebrachten Schlendrian fanatischer Befangenheit gilt geradezu als Verbrechen. Wagt einer es nur, wie der als „Galilei von Barnow" geschilderte Fleischhauer gesprächsweise zu behaupten, daß die Erde sich bewege und die Sonne stillstehe, so fehlt es nicht an Denunzianten, die seine „Ketzerei" verraten und nicht an einem Glaubensgerichte, das ihn in den Bann tut und ihn nötigt, seine Heimat zu verlassen, wenn er nicht jeden Umgang entbehren und mit den Seinen verhungern will. Trotz dieser traurigen Zustände mrd der entsetzlichen Folgen, die dem einzelnen drohen, welcher sich über diese Anschauungen hinwegsetzen und aus den Zuständen zu befreien wagt, ringen auch hier manche nach Befreiung. Deutsche Wissenschaft findet bei Einigen, wenn auch mühsam und heimlich, Eingang. Meines Vaters, Abraham Geigers, Schriften schreibt Franzos einen Teil dieser Erweckung zu. Man wird von mir, dem Sohne, ein genaueres Eingehen auf die schön geschriebene und vortrefflich komponierte Skizze „Ein Befreier des Judentums", in welcher die geistige Entwicklung des Verstorbenen und seine Einwirkung auf die Wissenschaft des Judentums dargelegt wird, schwerlich erwarten; was man mit tiefer Rührung und innerer Bewegung liest, darüber kann man nicht mit der nötigen Objektivität reden. Aber die Wirkung dieser und anderer Schriften ist zu konstatieren. Sie treiben manchen Jüngling zum Nachdenken und brechen das Joch tausendjähriger Vorurteile. Aber in Halb - Asien wird eine solche Wirkung nicht ohne Kampf durchgesetzt und nicht ohne üble Wirkung für die Kämpfer. Der Eine, welcher Geigersche Schriften gelesen, wird von den Seinen geschlagen und schwer gestraft, und kann seinen Wissendurst nur stillen, indem er seiner Heimat den Rücken 18