Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Karl Emil Franzos
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 196 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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196 sind; die auf so seltsame Weise Zusammengebrachten leben, trotz der ungemein leichten Art der Ehescheidung, meist friedlich, nur eben die Art des Zusammenbringens ist eine unerfreuliche und die Folgen der frühzeitigen Ehen für die Verheirateten und ihre Nachkommenschaft sind sehr nachteilige. Welch seltsame Zustände sich aus diesen Sitten ergeben, lehrt namentlich eine Skizze „Nathan der Blaubart". Franzos gibt diesen Namen einem angeblichen Spielkameraden, weil dieser, kaum ZOjährig, die sechste Ehe schloß. Dies kam aber so: Der Elfjährige wird 1859 mit einer 50jährigen Köchin verheiratet, um der gefürchteten Einreihung in eine Knäbenlegion zu entgehen und alsbald, nach Schwinden der Kriegsfurcht geschieden; der Dreizehnjährige mit einer Schwindsüchtigen, fast gleichaltrigen Cousine, einem argen Plagegeiste, die bald stirbt und ihrem nicht eben trostlosen Gatten ein ansehnliches Vermögen hinterläßt; der Vierzehnjährige mit einer 19jährigen bildschönen Polin, die so lange unvermählt geblieben war, weil ihr Bruder, ein Abtrmnniger (er war nämlich aus dem Elternhause fortgelaufen, um Medizin zu studieren), Schande über die Familie gebracht hatte, die aber von Nathan, der nur dem Namen nach ihr Gatte gewesen war, früh geschieden wird, um einen Freund ihres Bruders zu heiraten, dem sie ihre wahre Neigung zugewendet hatte; der 16 jährige schließt mit einer sanften, hübschen Frau die erste wirkliche Ehe, die aber nach einigen Jahren getrennt wird, weil sie kinderlos ist; der 21 jährige heiratet eine Frau, welche stirbt, nachdem sie ihm mehrere Kinder geschenkt hat; und so kann der 30jährige Mann wirklich zu seiner sechsten Ehe schreiten. Es ist kein Wunder, daß Menschen, die teils durch eigenes Verschulden, teils durch das schädliche Zusammenwirken äußerer Umstände körperlich verkümmern und geistig unentwickelt sind, sich zumeist jedem freien geistigen Hauch verschließen. Kommt es innerhalb des Ghettos zu einer geistigen Ausbildung, so ist diese einseitig — das greisenhafte Wesen eines solchen natürlich sehr frühzeitig dahinsiechenden „Wunderkindes", das die ganze