Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Karl Emil Franzos
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 195 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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195 „Kossuth-Jagden", über welche in den früheren Bänden berichtet war, zum Teil neue Beweise des großen Unrechts, das im Namen der Ordnung gegen Schuldlose verübt wurde. Andere Skizzen, wie „Martin, der Rubel", der Entwicklungsgang eines ruthenischen Pfarrersohnes zum russischen Spion; „Thodika", der seltsame Lebenslauf eines rumänischen Bauern, mögen kurz erwähnt sein. Die schon erwähnte dritte Abteilung (1888) vervollständigte das Werk. Auch in diesen neuen Bänden ist trotz der starken Verwandschaft mit den vorhergehenden eine veränderte Tendenz zu konstatieren. Diese Veränderung besteht in der Zurückdrängung der novellistischen Beiträge und in der Einfügung allgemeiner Erwägungen, z. B. der Betrachtung über Frauenemanzipation. Vielfach wird von Juden erzählt und oft genug hat der Geschichtsschreiber traurige Momente hervorzuheben. Das eine Moment ist die Verwahrlosung der Jugendbildung. Die Darstellung, welche Franzos in der Skizze: „Im Cheder" von einer jüdischen Schule des Ostens gibt, ist entsetzlich genug: der Schmutz des Lehrers, die dumpfe Luft des als Schulzimmer benutzten Raumes, die barbarische Mißhandlung der Knaben, die unmethodische, verständnislose Art des Lehrens, die Beschränkung des Lehrstoffes auf Hebräisch-Lesen und -Schreiben, Auswendiglernen der Bibel und der Erklärungen derselben — das alles gibt eine Ahnung von dem elenden geistigen Zustand der Erwachsenen, welche, kaum der Schule oder dem Schulalter entwachsen, die Mühen und Sorgen des Lebens in erschreckendem Maße zu tragen haben Das zweite Moment sind die frühen Heiraten, die dadurch hervorgerufene physische Schädigung der Männer und die Vernichtung jedes idealen Gefühls durch die Art der Eheschließung. Denn von Neigung, Liebe, Werbung ist dabei nicht die Rede; es handelt sich vielmehr nur um ein Geschäft, das durch Vermittler und die beiderseitigen Eltern abgeschlossen wird und dem die Hauptbeteiligten meist ohne jeden Widerspruch beitreten. Man kann nicht einmal sagen, daß die also geschlossenen Ehen unglücklich