Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Karl Emil Franzos
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 194 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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194 seiner Kinder beraubt wird, die besten Jahre seines Lebens in Einsamkeit und Dürftigkeit verbringt, an fremden Kindern, da ihm seine eigenen auf gräßliche Weise entzogen waren, seine einzige Freude findet) und nur von den: einen Streben erfüllt war Deutsch zu lernen, unr in deutscher Sprache zu schreien, „daß mich die Gewaltigen dieser Erde hören und sich ihrer Brüder erbarmen". In ähnlicher Weise erzählen auch die übrigen Skizzen und Erzählungen von Trauer, Schmerz und Verbrechen. Es ergreift uns wunderbar, wenn wir in „Die Gezwungenen" einen Polen sehen, der auf eine grundlose Denunziation hin nach Sibirien geschleppt, von dort entlassen, genötigt wird, aus den unglücklichen Weibern, die ein ähnliches Schicksal wie er gehabt, unter dem Hohnlachen eines vertierten Beamten eine Lebensgefährtin sich auszuwählen, eine Jüdin, die Christin werden mußte und nun mit ihr, ausgestoßen von ihren ehemaligen, verachtet von ihren jetzigen Glaubensgenossen, ein elendes und armsÄiges Dasein führt. Eine Mischung von Trauer und Grausen erregt eine andere Skizze: „Der wilde Starost und die schöne Jütta". An einem Frouleichnamstage hatte der Edelmann das Judenmädchen zuerst erblickt, sie am Abend geraubt und sie, die er anfänglich bloß zur Befriedigung seiner sinnlichen Gier zu gebrauchen gedacht, bei sich behalten und zu seiner «.Gemahlin erheben wollen. Zu diesem Zweck sollte sie Christin werden, aber wenige Tage vor jener feierlichen Handlung wurde sie mit ihrem Kinde während einer kurzen Abwesenheit des Starosten geraubt, und blieb, trotz barbarischerDurchsuchung des Judenviertels, trotz grausamer Bestrafung der Räuber verschollen. Das Mädchen, gewaltsam geraubt, gab sich selbst den Tod, der Starost verbrachte in stumpfem Wahnsinn seine Tage. Von russischen und rumänischen Greueln wußten die früheren Skizzen zu berichten, von den grausamen und tragikomischen Mißverständnissen des ehemaligen österreichischen Polizeistaates die kleinen Erzählungen, die unter dem Titel „Henker und Bajazzo" vereinigt sind. Diese Schilderungen sind zum Teil Fortsetzungen der