Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Karl Emil Franzos
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 190 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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190 Taufe den Adel erlangt und schließlich den gänzlich verlumpten, durch Trunk ruinierten Adeligen zu sich nimmt, ihn Pflegt unter der Bedingung, daß er keinen Schnaps bekommen soll, — der Säufer weiß sich doch diesen Labetrunk zu verschaffen und stirbt. Jüdische Beurteiler haben sich über diese und ähnliche Erzählungen in späteren Bänden sehr entsetzt und dem Verfasser große Vorwürfe gemacht darüber, daß er ein solches Märchen ersonnen oder diesen Zug aus dem wirklichen Leben verewigt habe, aber die Anschuldigungen, die oft zu dreisten Verwünschungen ausarteten, sind ungerechtfertigt. Denn der Dichter soll kein Schönfärber sein, der Kulturhistoriker hat kein Recht Mißstände zu verheimlichen. Es kann nicht in Abrede gestellt werden, daß solche planmäßige Vernichtung eines Adeligen gelegentlich erfolgte; behandelt ein Dichter einen solchen Stoff, so hat er nur dafür zu sorgen, daß seine Schilderung eine folgerichtige ist. Gerade dieses Vorwärtsbewegen der Handlung, dieses eherne Einherschreiten eines unabwendbaren Schicksals weiß der Dichter meisterlich aufzuzeigen. Handelt es sich in dieser Geschichte um ein Aufeinanderprallen von Juden und Christen, so steht sie doch insofern allein, als hier die Taufe eines grimmigen Christenfeindes oder eines Juden, der einen Christen verderben will, nur durch den Haß hervorgerufen wird. Ein anderes Motiv der Annäherung von Angehörigen beider Glaubensgemeinschaften oder ährer Entfremdung bildet die Liebe. Auch dafür bietet der Band eine Reihe eigentümlicher Beispiele. Tragisch sind sie alle, wenn sie auch nicht gerade mit dem -vode des Helden enden. Sehr eigentümlich ist „Das Christusbild" (ursprünglich „David der Bocher"), die älteste Geschichte unseres Verfassers (1868). Es ist die Geschichte eines jüdischen jungen Mannes, der sich in der Fremde zu einem großen Arzt entwickelt, eine Gräfin liebt, von ihr wieder geliebt, aber verstoßen wird, weil er Jude ist. Der Verstoßene wird nicht verbittert, sondern bleibt ein edler Mensch. Es kommt nach Jahren zu einem letzten Zusammentreffen der beiden durch das Geschick getrennten, aber zu keiner Vereinigung, der