Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Karl Emil Franzos
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 191 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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191 tüchtige Mann lebt in stiller Entsagung, in edler Tätigkeit und wahrhaft priesterlicher Hoheit weiter. Die Geschichte ist gut erzählt,^wenn auch ein bischen breit. Der Autor beherrscht die Technik noch nicht vollkornmen und vermag nicht ganz die von ihm berichteten Vorgänge glaubhaft zu machen. Besonders wichtig dagegen, geradezu vorbildlich für Franzos ganze Art, sind zwei andere Geschichten. Die eine ist „Der Shylock von Barnow". Ein Jude betrachtet seine Tochter, die durch Lektüre und Erziehung verdorben und mit einem Christen durchgegangen ist, als eine Verlorene. Nach Jahren, da sie säst verhungert in seinem Hause Einlaß begehrt, wird sie von ihm verstoßen, dem Hunger preisgegeben. Der Vater stirbt infolge eines Schlaganfalls. Erzählungsweise und Schilderung sind typisch für beu Autor. Man kann diese als Kontrastwirkung, als Vermischung der Arten bezeichnen' mit dem düsteren Dahinleben des einsamen Mannes kontrastiert die fröhliche, laute Gesellschaft der Nachbarn; mit der Schilderung des traurigen Innenlebens die Darstellung einer frivolen, vergnügungssüchtigen Menge. In dieser aus christlichen Beamten und Adligen bestehenden Gesellschaft lauter schurkische oder leichtsinnige Männer, angefaulte, mindestens kokette Frauen; ihnen als Lichtgestalt gegenüber der jüdische Arzt, menschenfreundlich trotz seines Sarkasmus. Auch ein anderer kleiner Umstand verdient hervorgehoben zu werden: die einzige anständige Frau der Gesellschaft ist eine Deutsche; aber sie, deren Sittlichkeit unantastbar ist, besitzt keinen übermäßigen Verstand. Ein ferneres wichtiges Moment für die Erzählungsart ist folgendes: die Geschichte wird, nicht fortlaufend berichtet, sondern eigentlich wird nur das Ende erzählt. Der Hauptteil wird eingeflochten in die Schilderung des frivolen Gesellschaftstreibens. Das möchte ich als Mischung der Arten bezeichnen, denn diese ganze Weise gehört schon eigentlich dem Drama an, das in vorbereitenden Szenen, in kurzen Dialogen die Vorgeschichte ergänzt und auf die Haupthandlung vorbereitet. Die bedeutendste Geschichte aber ist „Nach dem höheren