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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1908-01-01 · 11 (1908) · p. 189

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
11 (1908)
Article
Karl Emil Franzos
Date
1908-01-01
Page
189 (sequence 14)
Language
German
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189 die Sache der Juden zu der seinigen macht, so sehr er chre menschenwürdige Behandlung verlangt, so sehr er gegen die Willkür, die gegen sie angewendet wird, protestiert, so ist er doch weit entfernt davon, alles in ihrem Wesen, in ihrem Handeln zu billigen. Auch hier strebt er nach Wahrheit. Er beschönigt ihre Mängel nicht, er weist nachdrücklich auf die Spitzbübereien hin, die manche Juden des Ostens in ihrer langen Leidenszeit als einzige Widerstandsmöglichkeit ersannen und ausübten, er zeigt empört und nicht mitleidsvoll ihre Fehler auf, ihr Beharren in kulturfeindlicher Absonderung; er fordert ihre Annäherung an europäische Sitten. Solche Forderungen vereint mit warmherziger Teilnahme für die Unterdrückten zeigen sich schon in den Novellen und Skizzen der besprochenen Bände. Sie tritt noch deutlicher in dem ausschließlich den Juden gewidmeten Buche: „DieJudenvonBarnow" hervor (Stuttgart,1877, 8. Auflage 1907). Das Buch ist Leopold Kompert gewidmet. Jede der sechs in diesem Bande vereinigten Geschichten (seit der 3. sind zwei, seit der 4. noch eine hinzugefügt) ist charakteristisch für die Manier des Erzählers. Ausschließlich mit Juden haben es nur zwei zu tun. Beide sind streitbar, sie nehmen den Kampf auf gegen Vorurteile und Aberglauben. Die eine „Ohne Inschrift": eine Frau, die ihr eigenes Haar auch nach der Ehe trägt, wird, nachdem sie einem Kinde das Leben geschenkt, gewaltsam ihres Schmuckes beraubt, stirbt und liegt ohne Inschrift begraben. Die andere „Ein Kind der Sühne" fährt machtvoll gegen den Aberglauben los, der ein Kind verdammt, well die Eltern schon bei ihrer Verheiratung in Zeiten schwerer allgemeiner Krankheit zum Opfer ausersehen waren und gibt eine herrliche Schilderung der Mutterliebe, der Liebe, die den Tod besiegt. Eine Art Mittelstellung unter den Erzählungen nimmt „Baron Schmale" ein. Es ist die Geschichte eines von einem gräflichen Gutsbesitzer mißhandelten Juden, der sich nun als Lebenszweck setzt, diesen Grafen zu ruinieren, es mit allen Mitteln fertig bringt die Güter des Grafen an sich zu reißen, nach Annahme der

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