Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1908-01-01 · 11 (1908) · p. 188

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
11 (1908)
Article
Karl Emil Franzos
Date
1908-01-01
Page
188 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3111067-3111088-3114453--3007-3114656
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

188 Geburt, Sohn eines deutschen Vaters, in deutscher Weise erzogen. Dadurch hat er keine Nachteile, sondern nur Vorteile; er hat schon als Knabe ein Ideal des Judentums in sich gefühlt, das jene sich erst mühsam erkämpfen mußten, er empfing früh geläuterte, religiöse Begriffe, befreit von allen Schlacken, er sah das Judentum historisch an, und erkannte ihm wie eine Vergangenheit so eine Zukunft zu. Die Resignation, die ein starker Bestandteil in jener Wesen war; das Gefühl, die Juden seien nun einmal in die Verbannung zum Leiden geschickt, existierte nicht für ihn; der dumpfe Fatalismus, der darin bestand: Gott, der das Leiden gebracht habe, werde es auch wenden, war ihm vollständig fremd. Er glaubte an eine Mission der Juden, an die Zukunft des Judentums. Der Geist der Religion erfüllte ihn, der Glaube hatte in ihm feste Wurzel. Nicht durch Vernunftgründe suchte er seinen Gottesglauben zu erhärten; die Pietät, die ihn beim Judentum festhielt, war es nicht ausschließlich, die seine Religiosität gestaltete, noch weniger Schwäche, die ihn veranlaßte einen starken Halt außer sich zu suchen, sondern das Gemüt, das von der bloß materialistischen Weltanschauung abgestoßen, sich nach etwas außerweltlichem sehnte, das ihn beruhigte und erhob. Er fühlte sich nicht veranlaßt, offen ein Glaubensbekenntnis abzülegen, aber seinen Vertrautesten gegenüber bekannte er seine Gläubigkeit. Aus solchen Anschauungen erwuchs ihm seine Stellung zum Judentum und zu den Juden. Zu dem Judentum, dem er einen Platz unter den Faktoren der Weltentwicklung einräumen wollte, zu den Juden, die er zu modernen Menschen zu gestalten suchte. In dieser Weise ist sein oft angeführtes und nicht feiten mißverstandenes Wort „Jedes Volk hat die Juden, die es verdient" zu begreifen, denn es will sagen, daß die Juden in sich die Assimilationsfähigkeit, die Kulturmöglichkeit, die Liebe zum Vaterlande, den Hang der Entwickelung zu nützlichen Staatsbürgern besitzen, daß sie aber in dieser Tätigkeit und in diesem Streben von den feindlichen Nationen zurückgedrängt werden. Aber so sehr Franzos

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.