Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Karl Emil Franzos
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 187 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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187 Schicksals ftnnt; daß sie ertönen wie die traurigen sehnsuchtsvollen Klagen des Patrioten, der das Land, das er liebt, der die Stännne, in denen er tüchtige Elemente erkennt, übermächtigen Gewalten preisgegeben, und wenn nicht unrettbar verloren, so doch einem schaurigen Untergang allmählich entgegenwanken sieht; daß sie uns ins Herz schneiden als die Hilferufe eines guten Deutschen, der den Rückgang der deutschen Kultur, welche ehedem in den Osten einzuziehen versuchte und nun gewaltsam aus demselben entfernt werden soll, grollend mit anblickt. Uns interessiert hier an: meisten die Schilderung der Juden. Auch sie ist, wie man aus den kurzen Analysen vielleicht schon erkannt hat, ein Kampf. Und in dieser Streitbarkeit liegt die Hauptbedeutung des Buches, sein starker Gegensatz gegen die früheren Ghettonovellen. Diese hatten, jede in ihrer Art, eine Verklärung der abgelebten Zustände im Sinn. Die Poesie des Cheder wurde in ergreifenden Bildern vorgeführt, die Innigkeit des jüdischen Familienlebens, die friedliche Beschränkurig in ihrer Abgeschlossenheit vom Geräusche der Welt wurde mit dem Zauber der Romantik umkleidet. Kompert erkannte seine Spezialität darin, die Möglichkeit der Assimilation zwischen Juden und Christen zu betoiien, schöne Jüdinnen vorzuführen, die zugleich mit den Segnungen der modernen Kultur, die Liebe zu einem Christen empfinden, geisteskräftige Männer, die eine Brücke bauen zwischen den anscheinend unvereinbaren Gegensätzen des Judentums und Christentums. Von solchen Tendenzen ist zwar Franzos nicht völlig frei, aber sein eigentliches Wesen ist ein anderes. Auch hier ist zu beachten, daß er nicht nur Dichter, sondern auch Kulturhistoriker ist, und daß er als Dichter in weit höherem Grade Realist ist als seine Vorgänger. Dazu kommt noch ein anderes. Die früheren Ghettoerzähler wuchsen im Ghetto auf; ihre Jugendbildung war keine deutsche, sondern eine hebräisch-jüdische, sie hatten ein ganz anderes inneres Verhältnis zu diesen Zuständen, von denen sie sich selbst nicht ohne Mühe und vielleicht nicht ohne Schmerz losringen mußten. Franzos dagegert ist ein Deutscher von