Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Karl Emil Franzos
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 186 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111088-3114453--3005-3114654- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
186 scheuer Verwunderung und herzlichen: Mitleiden zeigt er uns die Dörfer und das Kloster dieser arrnen Leute, die, wie ihr Abt spricht, „lieber Gut und Geld, lieber Leib und Leben verlieren, als — den Himmel". Unter den angeführten Skizzen, welche nur den Inhalt des reichen Buches andeuten, nicht erschöpfen sollen, sind viele, die zum Teil durch ihren Stoff, ganz besonders aber durch die Art ihrer Schilderung euren gewaltigen Eindruck auf den Leser machen; als ergreifendste ist mir aber die Erzählung „Der Richter von Biala" erschienen. Auch hier wieder die Mischung von Humor und Ernst, von Freude an einigen Personen und Trauer über die allgemeinen Verhältnisse. Es ist die Geschichte eines Mannes, der Soldat werden muß, während seiner Dienstzeit die Geliebte verliert, welche sich mit einen: Vetter verheiratet, diesen:, obgleich er ihn tätlich haßt, in Todesgefahr beisteht und das Leben rettet, und wegen dieser Tat zum Dorfrichter gewählt wird. Und als solcher erlebt er Grausiges und bewährt sich als ein mutvoller Mann. Die Tochter seiner einstigen Geliebten wird von einem Jäger geliebt, aber von dessen Herrn, dem Grafen, verführt, der Graf von seinem Diener, der nach der Tat als Räuber in die Wälder flüchtet, erschossen, und nun muß der Richter dem alten Grafen, der racheschnaubend die Bauern anfährt, entgegentreten und kommt bei seinem kühnen Widerstand nur durch einen glücklicher: Zufall mit den: Leben davon. In einen: jahrelanger: Kampfe muß er den widerwärtigsten Quälereien gegenüber seine eigene Sicherheit behaupten und die Jnteresser: der bedrohten Gemeinde siegreich vertreten. Ob diese Geschichte wahr ist? Ob alle die anderer: Erzählungen und Schilderungen volle Wahrheit enthalten?. Ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich, daß sie nicht müßige Erfindungen eines witziger: Kopfes zur Unterhaltung einer sensationsbedürftigen Menge sind, sondern wahre Herzensergießungen eines tief empfindenden Menschen, der das Elend anderer nicht von der Ferne neugierig gaffend betrachtet, sondern fühlt, wie es die eigene Brust durchschneidet, und der auf Abhilfe des entsetzlicher: