Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Kohelet und Göthes Faust
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 174 (sequence 24)
- Language
- German
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174 emporsproßt, so ringt sich Faust durch sein reines Streben zur Höhe hinan. - Der Schluß beider Werke zeigt also eine ziernlich übereinstimmende Lösung Die Schlußverse Koheleths haben wir bereits angeführt. Die Schlußszene des Faust bietet uns seine Aufnahme in den Kreis der Seligen. Die reine, unmittelbare Wahrheit, die er auf Erden vergeblich suchte, soll ihm erst im Himmel werden. Denn hat er auch bisher seinen Blick von Gott abgewandt, der Drang nad) dem Höheren hat ihn doch zu ihm emporgeführt. Deshalb hat das Auge des Herrn mit Wohlgefallen auf ihm geruht, und im Jenseits soll er zu immer höherer Seligkeit gelangen. Wie Koheleth trotz seines unbegrenzten Zweifels schließlich neuen Glauben nnd vertrauensvolle Zuversicht auf Gott gewinnt, so ringt sich also auch Faust trotz seiner vielfachen Verfehlungen durch sein unausgesetztes streben nach dem Höheren am Ende doch zu Gott empor. Nur das müssen wir als' unterscheidendes Moment klar und deutlich im Auge behalten: Das Streben beider gipfelt auf ganz verschiedenen Gebieten. Koheleth findet seine Befriedigung in der zuversichtsstarken Unterordnung unter Gottes Waltuug und Fairst in der Betätigung eines allgemeinnützigen, das Wohl der Gesamtheit umfassenden Wirkens. Und es findet diese Verschiedenartigkeit, von der Zeit der Entstehung beider Werke völlig abgesehen, in dem Charakter beider Personen ihre Begründung. Koheleth will durch seine Weisheit alles, was unter der Sonne geschieht, erfassen und verstehen lernen. Doch er wird von den dem menschlichen Erkenntnisvermögen gesetzten Schranken überall zurückgeftoßen. So wird er auf das Gebiet verwiesen, wo er durch den Glauben Befriedigung und durch die Hingabe an Gott Beruhigung finden kann. Er ist nur so lange gequält und vom Zweifel geplagt, als er, der Kraft seines Verstandes und seiner Einsicht vertrauend, die Welt zu durchmessen und zu begreifen sich bemüht; seine Zweifel werden gehoben oder doch beschwichtigt, als sein Gemütsleben in den Vordergrund