Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Kohelet und Göthes Faust
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 173 (sequence 23)
- Language
- German
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178 hier unberücksichtigt, keine Gesellschaftsklasse wird übergangen, keine Charakteranlage außer Acht gelassen", und gerade hier ließen sich bei einer bis ins Einzelnste gehenden Untersuchung noch viele Vergleichnngspunkte mit Koheleth geltend machen. Doch würde dies hier zu weit führen und den Rahmen eines Vortrages um vieles überschreiten. Wenden wir uns nun zum Schlußakt. Wie Koheleth immer wieder auf die weise Selbstbeschränkung empfehlend hinweist, so zeigt uns hier Goethe noch einmal bei dem alten Ehepaar Philemon und Baucis das Leben im Gegensatz zu dem Stürmen und Drängen Fausts. Unter einfachen bescheidenen Verhältnissen, in Uebereiustimmung mit sich selbst und in Zufriedenheit mit ihrer Lage haben die beiden Alten ihre Jahre verlebt, während Faust in rastlosem Tun und unablässigem Versuchen nirgends Befriedigung und Ruhe zu finden vermochte. Er setzt jetzt zum Wohl der großen Allgemeinheit seine Kräfte ein. Denn endlich ist er zu der Ueberzengung gekommen, daß in der freien Kraftentwicklung des Menschen höchstes Glück und die Bestimmung seiner Natur liegt. Im frohen Vorgefühl des Segens, den er durch seine Tätigkeit den Mitmenschen bietet, stirbt der matt gewordene Greis. Mephistopheles glaubt triumphieren zu dürfen, da er die Wette gewonnen zu haben meint. Doch er hat dabei übersehen, daß nicht sinnlicher Genuß, sondern sittliche Freude Faust die höchste Beseligung im voraus empfinden läßt. Faust hat sich aus eigener Kraft zu höherer Tätigkeit emporgeschwungen und ihn auf diesem Wege mitgeschleppt, indem er ihn zum Handlanger für seine edlen Bestrebungen benutzte. Er konnte nicht dadurch „dem Bösen" verfallen, daß er sich ihm verschrieben hatte, sondern nur indem er in gemeiner Sinnlichkeit jeden: höherem Streben entsagte. Dies zu bewirken, war Mephistopheles ebensowenig gelungen, als der Zweifel dauernd über Koheleth die Oberhand gewinnen konnte. Wie dort aus der Sandwüste des Zweifels auf's neue der Baum des Glaubens und der Hingabe an Gott