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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1908-01-01 · 11 (1908) · p. 172

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
11 (1908)
Article
Kohelet und Göthes Faust
Date
1908-01-01
Page
172 (sequence 22)
Language
German
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172 Doch Faust findet an dem wüsten Treiben in Auerbachs Keller keinen Gefallen. Nur kurze Zeit hält es ihn dort. Auch die widerlichen Darbietungen der Hexenküche fesseln ihn nicht. Da steigt das Bild Gretchens vor ihm auf. Bei ihr könnte er das Glück finden, das er anderwärts vergeblich sucht, wenn er nur seinem zügellosen Geiste Schranken zu setzen vermöchte. Als er Gretchens Gemach betritt, und ihn der stille Frieden ihrer bescheidenen Häuslichkeit anweht, umfaßt ihn eine wahrhaft glückliche Stimmung. „In dieser Armut welche Mlle! In diesem Kerker, welche Seligkeit! O, liebe Hand. So göttergleich! Die Hütte wird durch dich ein Himmelreich. Doch schon bei seinem Eintritt in die Hexenküche haben wir es aus seinem eignen Mund vernommen, daß ihm das enge Leben gar nicht ansteht. Er kann seinen ungestümen Sinn nicht in engem Kreise halten. Und so verwüstet er den holden Liebesgarten, in dem er an der Seite Gretchens sich an den schönsten Blüten hätte laben können. Gretchen geht zu Grunde. Faust stürmt weiter durchs Leben, nachdem er auch m der rohen Sinnlichkeit der Walpurgisnacht keine Befriedigung gefunden hat. Doch die Episode mit Gretchen ist nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Sein Sinn macht sich von den niederen Trieben allmählig frei und wendet sich nach und nach dem Hohen und Großen zu. Im Regenbogen hat er ein Spiegelbild des „menschlichen Bestrebens" sehen gelernt, und dadurch ist ihm zu Bewußtsein gekommen, daß uns das Leben keinen reinen, ungetrübten Genuß bieten kann, sondern in ewigem Wechsel zwischen Genießen und Entbehren hinfliegt. Am Kaiserhofe finden wir ihn darauf wieder. In dem dort angestellten Mummenschanz wird uns das ganze menschliche Dasein in den verschiedensten Sinnbildern vorgeführt. „Fast keine Seite im Menschenleben bleibt

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