Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Kohelet und Göthes Faust
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 170 (sequence 20)
- Language
- German
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170 Er sucht dein Schüler das Studium völlig zu verleiden und die Sinnlichkeit als das einzige Empfehlenswerte hinzustellen." — Genau so bitter und höhnisch spricht sich Koheleth wiederholt über das Wissen und Streben der Menschen aus. Alsdann beginnt Faust mit Mephistopheles den gemeinsamen Wanderzug. Das Leben in seiner mannigfachen Gestaltung und mit seinen vielfach wechselnden Erscheinungen rollt sich hierbei vor unseren Blicken aus. Mephistopheles führt Faust in die verschiedenen Lebenskreise ein, um ihm zu zeigen, wie man dort das Lebensrätsel löst, sein Glück und seine Befriedigung findet. Er soll es versuchen, sich in gleicher Weise zu ergötzen, und mit den überall sich ihm darbietenden Gaben und Genüssen seinen ungestümen Sinn befriedigen. Schon ehe Mephistopheles Faust naher getreten, zeigt uns der Dichter in unvergleichlicher Schönheit durch die Szene vor dem Tor am Ostermorgen, wie der gewöhnliche Mensch das Leben auffaßt, während Faust sich unablässig abmüht, seinen Zweck und seine Bedeutung zu ergründen, und dadurch sein innerstes Wesen zu erforschen. „Faust hat seine Tage in Grübeleien verbracht, das Volk verlebt seine Zeit in leichtlebigem Treiben und anständiger Sinnlichkeit, ohne sich um das große Rätsel der Welt zu kümmern, denn ihm ist die Welt etwas Bekanntes und Vertrautes. Ein starkes Bier, ein beizender Tabak, die ^reue oder Untreue eines Tänzers, die Verdienste des neuen Bürgermeisters — das sind Fragen, die das Volk weit mehr beschäftigen als alles, was Himmel und Erde an Geheimnissen enthält. — Faust wird davon tief ergriffen, als er in dem frischen, frohen Volksleben die wahre, in der Beschränktheit glückliche Zufriedenheit erkennt. Er fühlt, wie viel weiser diese einfachen Menschen sind als er selbst — denn sie genießen." „Hier ist des Volkes wahrer Himmel, Zufrieden jauchzet Grotz und Klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein."