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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1908-01-01 · 11 (1908) · p. 169

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
11 (1908)
Article
Kohelet und Göthes Faust
Date
1908-01-01
Page
169 (sequence 19)
Language
German
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169 Ganz so stieß auch Koheleth die Weisheit von sich, als sie ihm keine Lösung des Lebensrätsels an die Hand gab. Eine neue Lebensgestaltung beginnt jetzt sür Faust. Da die erstrebte, unbeschränkte Erkenntnis ihm versagt ist, will er es wie Koheleth mit dem sinnlichen Genuß versuchen, nicht um darin seine Kraft nutzlos zu erschöpfen, sondern um alle Gefühle und Empfindungen zu durchkosten, die das Menschenherz bewegen und beseligen, und die vielleicht auch ihm eine höhere Entfaltung seines Daseins bieten werden. Vorn Glauben an Gott und an das Jenseits hat er sich vollständig losgemacht, was sein Pakt mit Mephistopheles deutlich in Erscheinung treten läßt. — Auch bei Koheleth findet sich eine Stelle, in derer den Glauben an das Jenseits zu leugnen scheint: „Alles geht an einen Ortalles ward aus Staub und kehrt zu Staub zurück. Wer weiß, ob des Menschen Geist nach oben steigt und der des Tieres in die Tiefe zur Erde fährt." Doch soll hier wohl nur die Unmöglichkeit hervorgehoben werden, sich durch die Sinnenwahrnehmung erfahrungsgemäß zu überzeugen, daß sich der Geist zur Höhe hinanschwinge. Diese Interpretation kann um so mehr auf Geltung Anspruch erheben, als es weiterhin heißt: „Der Staub kehrt zur Erde zurück wie er war, der Geist kehrt zu Gott zurück, der ihn gegeben", in welchen Worten der Glaube an die Unsterblichkeit deutlich zum Ausdruck kommt. Bevor nun Faust und Mephistopheles ihre Forschungsreise durch das Leben antreten, führt uns der Dichter die Szene mit dem Schüler vor: „Jede Zeile ist hier bitterer Spott oder tiefe Weisheit, oft auch beides zugleich. Sie ist eine vernichtende Satire auf jede Art menschlichen Wissens. Der junge Student möchte gerne ein hochgelahrter Mann werden. Mit innigem Verlangen nach der gebotenen Belehrung ist er gekommen. Dies gibt Mephistopheles, der Fausts Professorengewand angezogen hat, Gelegenheit zu einer beißenden Schilderung aller Fakultäten. Sein Tadel ist so allgemein, daß er wie eine Verdammung der Wissenschaften selbst erscheint.

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