Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Kohelet und Göthes Faust
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 164 (sequence 14)
- Language
- German
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164 Michael singt: „Und Stürme brausen um die Wette, Vom Meer aufs Land, vom Land aufs Meer Und bilden wütend eine Kette Der tiefsten Wirkung rings umher. Da flammt ein blitzendes Verheeren Dem Pfade vor des Donnerschlags: Doch deine Boten, Herr, verehren Das sanfte Wandeln deines Tags." Und nun die wenigen Verse, die die drei Engel zusammen singen: „Der Anblick giebt den Engeln Stärke, Da keiner dich ergründen mag. Und alle deine hohen Werke Sind herrlich, wie am ersten Tag." Sie finden ihr Vorbild in den Worten Koheleths: „All die treibenden Mächte vermag kein Mensch auszusprechen. Das Auge wird nicht satt vom Sehen, das Ohr nicht voll vom Hören. Was gewesen ist, das wird sein, was geschehen ist, das wird geschehen, es giebt nichts Neues unter der Sonne." Im Gegensatz zu den Gott und die Schöpfung preisenden Engeln tritt Mephistopheles auf. Der Herrlichkeit der Welt stellt er die Erbärmlichkeit des Menschen gegenüber. „Von Sonn' und Welten weiß ich nichts zu sagen. Ich sehe nur, wie sich die Menschen plagen." Und sind nach dem Lobpreise der Engel die Werke Gottes herrlich wie am ersten Tag, so bleibt nach seiner Auffassung auch der „kleine Gott der Welt stets von gleichem Schlag und ist so wunderlich, als wie am ersten Tag." Ganz ähnlich spricht Koheleth: „Was ist des Menschen Gewinn bei all seinem Mühen, datz er sich abmüht unter der Sonne?"