Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Kohelet und Göthes Faust
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 162 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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162 — und dadurch auch die des Menschen überhaupt. Wir sehen in ihm den forschenden, ringenden, strebenden Menschengeist, wie er das Leben in seinen Höhen und Tiefen zu durchdringen sucht und die Gestaltung des Erdendaseins zu begreifen sich bemüht, wie er von dem Forschen nach Wahrheit unbefriedigt sich dem Genuß zuwendet und von dessen Schalheit und Hohlheit abgestoßen, rastlos weiter stürmt, bis daß er endlich in der fortdauernden, angestrengten, allgemein nützigen Tätigkeit das allein menschenwürdige und begehrenswerte Los sieht. Das ganze private und öffentliche Leben wird in seiner bunten Gestaltung uns in diesem gigantischen Werke vor Augen gestellt, und durch die Würdigung, die Faust ihm zu Teil werden läßt, auf seinen Wert und feinen Zweck geprüft. „Wir sehen also im Faust wie in einem Spiegel das ewige Problem unserer geistigen Existenz und daneben die bunten Züge unseres bürgerlichen Lebens. Das Gedicht ist somit ein Problem und ein Mld zugleich. Als Problem umfaßt es die höchsten Fragen des Lebens, als Bild stellt es alle Meinungen, alle Empfindungen und alle Klassen dar, die sich auf der Bühne des Lebens bewegen. Fast jede bedeutende Seite des Lebens wird darin berührt, fast jede Frage findet darin ihren Ausdruck. Es ist ein Drama trauinhaft in seiner Form, aber in Sinn und Geist von furchtbarer Realität." Schon diese kurze Darlegung über Tendenz und Inhalt des Faust zeigt uns, daß Koheleth und Faust den gleichen Grundgedanken haben und das gleiche Problem zum Vorwurf nehmen. Und wenn auch die Behandlung bei beiden grundverschieden ist, so werden sich doch auch viele überraschende Uebereinstrmmungen Nachweisen lassen. Sehen wir von dem Vorspiel als wenig zum Stück gehörig ab, und beginnen wir mit dem Prolog. Aeußerlich ist er bekanntlich dem Buche Hiob nachgebildet, dem Inhalt nach lehnt er sich aufs engste an Koheleth an. Auch der Gedankengang hat manche Aehnlichkeit mit dem ersten Kapitel Koheleths. Hier wie dort wird die unveränderliche Pracht und Majestät der Schöpfung der