Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Kohelet und Göthes Faust
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 160 (sequence 10)
- Language
- German
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160 der Dinge sei der Tote vor dem Lebenden glücklich zu Preisen, weil er dem Erdeuwirrsal glücklich entronnen, und noch besser sei der Ungeborene daran, weil er von all den Verkehrtheiten überhaupt nichts schaue. Auch die Erfolge, die der Menschengeist errungen, vermögen nicht, Koheleth mit dem Leben auszusöhnen. Denn gehe man ihren: Ursprung, ihrer Quelle nach, so sei Neid und Mißgunst die Triebfeder alles Großen und Unruhe und Aufregung ihre steten Begleiter. Und was habe der Mensch davon, wenn er sich unsäglich abmühe? Mancher legt die Hände in den Schoß und kommt besser weg als jener, der sich durch stetes Mühen, Sorgen und Ringen aufzehrt. „Wer das Geld liebt, wird des Geldes nicht satt! Mit dem Reichtum mehren sich die Esser, vergrößern sich die Bedürfnisse." Und welcher Nutzen verbleibe dem Menschen von allem Besitz und aller Habe? Nackt, wie er gekommen, muß er wieder von der Erde scheiden, und während des Lebens läßt ihn die Übersättigung oft ::icht zun: Frohgenuß kommen. Oder auch er Plagt sich, sorgt und müht sich ab, scharrt zusamme::, beraubt sich gar des Schlafes in der Nacht, und am Ende hat es gar der Tagelöhner besser, da er ruhig und sicher schläft, und nicht die Sorge seine Ruhe stört. In dieser Weise läßt koheleth das ganze Leben an seinen: Blick vorüberziehen. Doch überall stößt er auf Rätsel und Fragezeichen, die kein Sinnen und Grübeln zu lösen, keine Spekulativ:: und kein Denken zu entwirren verrnag. — Klare, bare Lebensweisheit und eine allgenrein befriedigende Aufklärung über das Leben vermag er darun: nicht zu geben, sondern nur praktische Winke. Und so empfiehlt er die Sorglosigkeit, die das Heute genießt und sich uu: das Morgen nicht aufregt; die praktische Lebensweisheit, die auf das für eine günstige Lebensgestaltung Wertvolle gerichtet ist; die genügsame Freude, die dankbar annimmt, was ihr Gott bescheert; den sich selbst beschränkenden' Genuß, der nur nach den: strebt, was erlaubt und was erreichbar ist. Vor allem aber warnt er vor jeder Uebermäßigkeit. Ja, selbst das Uebermaß beim Gebet erscheint ihn: nicht als empfehlens-