Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Kohelet und Göthes Faust
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 156 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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156 die erhabene, gewaltige Dichtung, die in ihrer Art nicht wieder ihresgleichen findet, durchsichtig in ihrer Anlage, klar und verständlich in ihrer Ausführung, (wenigstens was den ersten Teil angeht) erhebend schön in ihrer Form, ein Kunstwerk in dem edelsten Sinn des Wortes, voll ergreifender Szenen, tieferregender Momente — und Koheleth, die systemlose Untersuchung, planlos in ihrer Durchführung, undurchsichtig und dunkel in vielen Teilen! Doch sehen wir von der Kunst der Darstellung, Kraft der Rede, Genialität der Anlage und Ausführung ab, und fassen wir nur Inhalt und Tendenz beider Werke ins Auge, dann ergeben sich bei ihnen so viel gemeinsame Gesichtspunkte, daß man sich zu dem Schluß berechtigt fühlt, Göthe sei bei der Abfassung des Faust nicht unbeeinflußt von Koheleth geblieben. Stellen wir nun beide Werke inhaltlich und in Beziehung auf ihre Tendenz einander gegenüber. Der Grundgedanke Koheleths spiegelt sich in Kapitel 8, V. 17 und zwar in den Worten wieder: „Und ich sah alle Taten Gottes, daß niemand erfassen kann, was unter der Sonne geschieht. Wie sehr sich auch der Mensch abmüht, er erfaßt es nicht, wenn auch der Weise denkt, es zu erkennen, er erfaßt es nicht." — Es ist die Unzulänglichkeit der menschlichen Erkenntnis, es ist die Unmöglichkeit, das Geheimnis des Weltenbestandes und vor allem das Geheimnis des Lebens mit seinen verschiedenfarbigen Ausstrahlungen zu ergründen, worauf hier hingewiesen wird. Nach dieser Richtung nützt dem Menschen keine Weisheit und keine Einsicht. Sobald er sich vermißt, aus seiner Erkenntnissphäre herauszutreten, sobald sein Sinn von der äußeren Erscheinung auf das Wesen der Dinge einzugehen und die Frage nach dern „Wieso und Warum" zu lösen sucht, läßt ihn sein Verstand im Stich; „es wird die Weisheit ihm zur Plage, sodaß er dem dummen Viehe gleicht." Koheleth spricht hiermit der Weisheit nicht jeden Wert ab. Er weiß ihre Vorteile sehr wohl zu würdigen und bleibt sich bewußt, daß ihr ein Vorzug vor der Torheit anhaftet, wie der Vorzug des Lichts vor der Finsternis. Doch gilt dies nicht von der absoluten