Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Kohelet und Göthes Faust
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 155 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111088-3114452--2973-3114623- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
155 Buche Koheleth das Dasein selbst als problematisch, da es einer Erklärung und Rechtfertigung bedarf; denn es ist voller Nebel und Widersprüche auf der einen, und im günstigsten Falle zwecklos, eitel und nichtig auf der andern Seite". Koheleth stellt sich also die Aufgabe, das menschliche Dasein mit all seinen Einzelerscheinungen prüfend zu betrachten. . Es ersteht somit auf biblischem Boden eine Untersuchung, für die dort im ersten Augenblick gar kein Raum zu sein scheint. Wenn nun auch das Mißtrauen, das man dem Buche Koheleth schon in alter Zeit entgegenbrachte, insofern man Bedenken trug, es in den biblischen Kanon aufzunehmen, nicht ganz unbegründet ist, so trägt es doch durchaus nicht den antibiblischen Charakter, den man ihm in gewissen Zeiten beilegte. Nicht der bloße Geist der Verneinung ist es, der hier zu Worte kommt und schonungslos die Blüten an dem Baum des Lebens abreißt, sondern in ungefärbter, wahrheitsgetreuer Darstellung der Lebenserscheinungen soll der Wert des Daseins untersucht und dadurch ergründet werden, was an dessen wechselnden und sich drängenden Bildern auf Dauer und Geltung Anspruch erheben könne. Es wird das Buch beherrscht von dem am Busen der Weisheit genährten, unbegrenzten Wissenstrieb, der das ganze Leben in seiner mannigfachen Gestaltung einer eingehenden Betrachtung zu unterwerfen sucht und erklügeln will, wodurch das Lebensrätsel seine Lösung finde und womit der Mensch seinen: Streben bleibenden Inhalt geben könne. Es ist Koheleth, der biblische Faust, der von brennendem Wissensdurst, von ungestümem Erkenntnisdrang erfüllt, das ganze Leben durchstürmt, um zu erforschen und zu erproben, bei welchem Tun und Wirken er mit Befriedigung weilen dürfe, ohne daß ihm der Genuß des Augenblicks durch eine etwaige spätere Erwägung beeinträchtigt und vergällt werde. So lassen .sich denn zwischen Koheleth und Göthes Faust viele gemeinsame Züge auffinden, wenn man nicht gar von einer inneren Beziehung beider reden darf. Aeußerlich^ find sie zwar überaus weit von einander verschieden. Faust,