Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- August von Hennings, der Freund Moses Mendelssohns
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 138 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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138 Leben Sie recht wohl; stärken Sie Ihren Körper, um den Geist der Schwachen stärken zu können, und empfehlen Sie mich den Ihrigen." Mendelssohn antwortet im Sept- 75 (K. M. 519). Aus dem Manuskript bei Hennings ist bei K. M. 520 nach der Kritik über Lavater zu ergänzen: „Die mehresten Kupfer kann man so füglich entbehren." Hierauf schreibt Hen. (Bd. 1, Copie, Dresden 1776): „Seit vielen Wochen habe ich Ihnen schreiben wollen, bester Mendelssohn, denn Ihre Briefe sind wirkliche Nahrung und Stärkung meines Geistes, aber eine besondere kleine Ursache hat mich bisher abgehalten. Ich habe mit Ihnen über Hallers Briefe gegen Voltaire reden wollen, und bisher in diesem guten, aber wenig neugierigen Orte dieses Buchs nicht habhaft werden können. Sie haben es vermuthlich gelesen, und können also meinen Wunsch befriedigen, Ihr Urtheil davon zu wissen. Alles, was ich davon kenne, ist eine Recension in den Göttingischen Anzeigen, und die mißfiel mir eben in dem, was sie lobte. Haller glaubt sich genugsam belohnt, wenn er einen Jüngling von dem Irrwege zurückführt, auf den ihn Voltaire gezogen hat. Dies ist der Stil eines Predigers und Schwätzers, nicht eines Philosophen. Ein Philosoph spielt nicht, mit der Einbildungskraft und dem Leichtsinn eines wankenden Jünglings; er sucht Männer zu überführen. Die Vernunft ist seine Probe, nicht das Herz. Und welch' ein Unglück dann in dem Auge eines vernünftigen Mannes, wenn unsere Meinungen auf Irrwegen laufen? Mag doch der Jüngling sich immer verirren, wenn er nicht Kraft genug hat, die Wahrheit aufzusuchen, oder Lust, andern in ihren Untersuchungen zu folgen. Es wird kein großes Uebel daraus entstehen, und gesetzt auch, daß Sätze verdammen können, nur so ist der der Hölle wehrt, der sich blindlings, es sey zum Jrrthum oder zur Wahrheit, fiihren läßt, und der christliche Wunsch, Seelen zu retten und zu bekehren, nicht weniger dem lächerlich, der sich bemüht, die Wahrheit aufzusuchen, und sie andern, wenn sie es wollen, zur Beyhülfe aufzustellen. Es ist besonders, wie sehr wir uns gewöhnen können, unwesentliche Sachen für wesentlich zu halten. Würde ich doch nichts mehr in der Welt sehn, wenn ich statt eines samtnen Kleides einen schlechten grauen Rock tragen würde. Und so geht es mit dem simpeln Gewände der Wahrheit in dem am Flitterstaat der Meinungen gewohnten Auge. War nicht eine Zeit, wo man nicht, ohne zu beten verdammen konnte, und halten nicht noch Menschen an Meinungen, wie an Gebräuchen, und vergessen, daß beyde im Grunde willkührlich sind, ohne das Wesentliche des Menschen auszumachen? Je mehr man sich zu dieser Bemerkung übt, desto mehr findet man das, was wir anwenden, das Lächerliche zu ver-