Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Die Religion, ein Naturgesetz der Seele
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 86 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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86 sich auftut, der Arm sich schlingt um den andern, Brust an Brust, Mund auf Mund ruht, Aug in Auge, Atem in Atem, heiß sich eint, was lang getrennt gewesen, wenn am Versöhnungstag frei von Schuld das Kind sich wirft an des Vaters Brust, wenn geläutert von Sünde und wie neu geboren wir von dannen gehen! Wie leicht ist es uns ums Herz, so selig sind wir wie ein Kind. Wir begreifen jetzt einen Jesaias, der in den Mittelpunkt der Buße nicht die Kasteiung, das Fasten, sondern die Liebe, stellt. „Löset die Bande des Frevels, gebt dem Unterdrückten die Freiheit, brechet Brot den Hungernden, den Nackten reichet Kleidung, dann bricht wie das Morgenrot auf Dein Licht, Dein Heil." Wir verstehen nach dem Aufhören von Altar und Opfer einen Jochanan ben Sakkai, der da lehrt: „Heute sühnen Liebe und Wohltun, was früher Priester und Altardienste geleistet haben". Gut sein heißt Gottes sein, fromm sein. Wie merkwürdig, daß Güte und Seligkeit in den Seelenheil- Andachten, in einem Atem genannt werden, als ob die Allliebe und die Menschenseligkeit ineinander flössen: ma rab tubcha ascher zafanta lejerecha — „wie groß ist Deine Güte, die Du aufbewahrt hast Deinen Verehrern!" Wie köstlich ist Deine Huld, Gott, und die Kinder Adams werden sich im Schatten Deiner Fittige bergen! Sie werden sich erlaben an Deines Hauses Segensmahl und vom Strom Deiner Paradiese wirst Du sie tränken. — Sie, die Liede, — Chessed — üben — Chassidim — werden frohlocken und aufjauchzen auf ihren Lagerstätten!" (Ps. 31; 36; 149) Hier ist Ewigkeit — Seligkeit an Güte und Liebe geknüpft und damit dargetan, daß nicht der Glaube, sondern die Liebe ausschlaggebend ist beim Gedenken des Anrechtes auf die Seligkeit, was die alte Theologie des Talmud zu der universalistischen, alle Völker und Bekenntnisse einschließenden 6hassicke xtmot haolam jeseh lahem chelek leolam haba — „die Chefsed oder Liebe übenden aller Völker der Welt, haben ein Anteil an der zukünftigen Welt". Liebe und Liebessehnsucht von Gott, der Allliebe, dem Adamskinde in die Seele gepflanzt, ist der Anfang des