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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1908-01-01 · 11 (1908) · p. 85

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
11 (1908)
Article
Die Religion, ein Naturgesetz der Seele
Date
1908-01-01
Page
85 (sequence 13)
Language
German
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85 Egoismus, des Strebens nach Unsterblichkeit und Glückseligkeit, liegt es in der Natur des Geistes, unsterblich zu bleiben, wie der Gottesgeist, der chn uns eingehaucht. Hier ist die Seele die wahre Tochter der Gottheit, sie will nicht vergehen wie der Staub, der vom Staube genommen ward, sie will zurückkehren — wie der Prediger Salomonis lehrt — „zu Gott, der sie gegeben." — Selig sein heißt aber auch der Seele gemäß sein — das heißt schuldlos sein, wie im paradiesischen Zustande, rein werden wie Gott, daher führt die Läuterung von Sünde zur Seligkeit. Das Bewußtsein solchen Unschuldszustandes führt das Gleichgewicht der Seele, des Friedens und Hells uns zu, die Lust der Glückseligkeit. Worin aber äußert sich diese Lust aller Lüste, wie erfahren wir ihre Süßigkeit schon hienieden? — In der Liebe, in der Liebessehnsucht. Höher als aller Sinnengenuß eines Sardanapal, eines Lukullus, eines Epikur, ist der Genuß den die menschliche Seele empfindet in ihrer Sehnsucht nach reiner Liebe, und in ihrer Uebung reiner Liebe, mag es Eltern-, Gatten-, Kinder-, Geschwister-, Freundes- und echter Menschenliebe sein. Diese Liebe, die „mächtiger ist als der Tod", wird von dem Sänger des Hohenliedes mit Fug bezeichnet als Flamme Gottes Sehalhebet Jali. Sie ist eine Ausstrahlung der Sonne der Gottheit, in der die Allliebe das vorwaltende Attribut ist und bleibt. Aus Liebe hat uns Gott geschaffen, Gottes Vaterliebe eint alle Menschenkinder zu heiligem Bruderbünde, dieses Bundes Grundgebot in Schrift und Blut und Seele ist Liebe! Wir begreifen den deutschen Dichterfürsten, wenn er meint: „Wenn ich liebe, so gebe ich mir etwas, wenn ich hasse, so nehme ich mir etwas". Zur Natur der Seele eines echten Menschen gehört die Liebe wie die Wärme zur Sonne. Das Seelenleben ist arm, bettelarm und freudlos ohne die Liebe. „Welche Seligkeit empfindet der Mensch, wenn's aus jeder Herzensfaser bebt: Ich liebet" Wenn diese Sehnsucht einen Wiederhall weckt in der Brust des Geliebten. Wenn nach Kränkung des Mitmenschen ein Tag der Erlösung folgt, das Herz 6

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