Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Die Religion, ein Naturgesetz der Seele
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 84 (sequence 12)
- Language
- German
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84 Ständen, zwischen den Zungen und Nationen, zwischen Rassen und Klassen zwischen den Bekenntnissen und Richtungen, die einander mit tätlichem Hasse bis aufs Messer verfolgen, um an Stelle des Trennenden das sie gemeinschaftlich Verbindende die eine Kindschaft des einen Gottes aus ihre Fahnen zu schreiben. Diese Religion der ethischen Tat gipfelt in dem prophetischen Messiasgedanken „Io jaron welo jaschchitu“ „nicht sollen sie Böses tun und nicht verderben". 5. Wie das Sittengesetz, Kants kategorischer Imperativ „Wollen und Sollen seien eins" uns eingeboren, also ist es auch mit dem ethisch-ästhetischen Werturteil unsres Wollens und Tuns. Es ist ein Naturgesetz der Seele, daß sie das rechte Tun begleitet mit einem Lustgefühl oder dem Werturteil, auf welches Herbart, der philosophische Pädagoge seine praktische Philosophie aufbaut: es gefällt, während dem Unrecht ein Unlustgefühl entspricht mit dem inneren Urteil: es mißfällt. Aus diesem inneren Naturgesetz quillt jenes für die Religion so bedeutsame Lustgefühl, das wir Seligkeit nennen. Der Lohn aller Tugend, aller Moral, aller Religiosität ist Glückseligkeit, d. h. ein Behagen, wohlig und wonnig, das weit entfernt ist von dem Gefühl der Befriedigung sinnlicher Triebe, irdischer Lust. Diese dauert Augenblicke, fängt an, hört auf, wechselt, wird oft, wenn ihr Höhepunkt überschritten ist, uns zuwider! — Die Lust wird Unlust. Nicht so die Glückseligkeit, es ist eine ewige, unendliche Lust, die hier anfängt, und im Paradiese, im „Eden" endet oder nicht endet, weil den meisten der Religiösen, die Glückseligkeit und die Ewigkeit identische Begriffe sind. Wohl gibt es nur wenig Auserwählte, die Tugend üben so selbstlos rein, daß sie auf Seligkeit und Unsterblichkeit als aus einen Lohn chrer Tugend verzichten. Die meisten verzichten nicht, den meisten ist das Diesseits eine Aussaat der Religion, um zum Ziele einer Ernte der ewigen Seligkeit zu gelangen. Darin liegt ihr Trost, ihre Ruhe, ihr Frieden der Seele. Aber abgesehen von diesem edlen