Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Die Religion, ein Naturgesetz der Seele
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 83 (sequence 11)
- Language
- German
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Vollbringen hoher, heiliger Pflichten in der Familie, im Vaterlande, im Berufe, in der Gemeinschaft mit Menschen — und diese Religion ist doch Zweck aller Theorien und Lehren, alles Forschens und Wissens — folgt dem Naturgesetz vom Gewissen: Lebe und wirke so, daß Du in freier Selbstbestimmung ohne Aussicht auf Lohn und ohne Furcht vor Strafe Dein Wollen mit dem Sollen, Dein Tun mit Deiner Pflicht in Übereinstimmung setzest, oder: „Tue das Gute um des Guten willen!" Zu dieser gewissenhaften Pflichterfüllung, die sich nach außen hin durch Frohsinn kenntlich macht, im Gegensatz zur Verdrossenheit des Gewissenlosen, gehört vor allem die weise Selbstzucht oder das Verhüten der Selbstsucht. Der Zügelung tierischer Triebe, der Bekämpfung menschenunwürdiger Neigungen, der Zähmung wilder Leidenschaften, die Menschen und Völker entmenschen und zu Bestien machen, muß die Religion der sittlichen Tat dienen. Alle religiösen Satzungen, alle Zeremonien sind nur gegeben worden, um die Menschen zu läutern „lizrof4, zu reinen lautern Charakteren zu erziehen", also lehren die Weisen des Talmud. Pflicht und Gewissen müssen Dir Rosen der Schamröte auf das Antlitz zaubern einem Menschen oder einer Menschengruppe, die die Unschuld mit Füßen tritt, der keuschen Tugend den Fehdehandschuh hinwirst, dem schamlosen Laster, der Unsittlichkeit und Wollust, der Trunksucht und „Schande" Tor und Tür öffnet. Pflicht und Gewissen müssen ihr „j’accuse" hineindonnern in ein Forum, wo an Stelle des Rechtes Unrecht und Vorurteil das Szepter schwingen, wo Gottes Ebenbilder gedrückt und mißhandelt werden, weil sie etwas anderes denken und glauben und sprechen als ihre Dränger. Pflicht und Gewissen müssen bei allen Fortschritten der geistigen Kultur und der der Wissenschaften danach streben, daß auch das Gemütsleben nicht erstarre, daß die Eiskruste der Lieblosigkeit und der Bosheit schmelze vor dem Sonnenstrahl der Bildung, die mehr Gesittung sei der Herzen als Tünche und Schein der schalen Oberflächlichkeit. Pflicht und Gewissen müssen die Scheidewände niederreißen zwischen den Rängen und