Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Die Religion, ein Naturgesetz der Seele
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 81 (sequence 9)
- Language
- German
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81 hat mit der Weisheitslehre der Entsagung und der Sehnsucht nach der Nirvana Seligkeit Millionen Geister hingerissen in der alten wie in der neuen Welt, und der Schopenhauer- und Nietzschekult wie das essäische Judenchristentum hat manchen ethischen Kerngedanken zur Vervollkommnung des Menschen mit Buddhas Lehre gemein. Die Persönlichkeit Mohammeds ist den Völkern des Islam der Inbegriff aller Heiligkeit, wie die des christlichen Religionsstifters bei den meisten eine Gottheit, bei vielen der vollkommenste Menschensohn. Das Judentum hat die Gottheit und die Vollkommenheit losgelöst von allem, was das Gepräge der sterblichen Körperlichkeit trägt, vom Odem der Erde berührt ist. Zum Ausgangspunkte der Ethik machte Moses Gott allein, well außer ihm kein Wesen unfehlbar hellig sein kann: „Der Hort, dem ich vertraue, vollkommen ist sein Tun." (Deut. 32.) Schon der erste Patriarch, der ihn als Gott aller Welt zuerst verkündet, vernimmt es: „Wandle vor mir und werde vollkommen!" Irdische Vollkommenheit oder das Anstreben sittlicher Güte kann nur an dem Vorbild reinster Gottesheiligkeit sich bilden, so daß alle Gesetze einer trefflichen Lebensführung als von Gott gegeben gelten uud von dem Gedanken getragen sind, sie seien wie die 10 Gebote am Sinai, von dem Allheiligen geoffenbart worden. Daher die innige Verbindung menschlicher Weihung mit der Gottesidee im biblischen Kapitel von der Sittenreinheit: (Leviticus 19) „Heilig sollt Ihr sein, denn ich bin heilig, der Herr Euer Gott!" Daher schließt das Gebot der Ehrfurcht vor Vater und Mutter mit: „Ich bin der Ewige, Dein Gott," das Gebot, nicht zu stehlen, nicht zu lügen, nicht zu betrügen, nicht falsch zu schwören, nicht zu übervorteilen, nicht Ungerechtigkeit zu üben mit: „Ich bin Gott". Daher knüpft Moses an die Verbote des Verleumdens, Hassens, Grollens und der Rachsucht, wie an den sittlichen Grundsatz: „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst", das bedeutsame Wort: „Ich bin Gott".