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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1908-01-01 · 11 (1908) · p. 80

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
11 (1908)
Article
Die Religion, ein Naturgesetz der Seele
Date
1908-01-01
Page
80 (sequence 8)
Language
German
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80 ja selbst Ungläubigen aller Konfessionen geläufig wurde. Kein Gebet, kein Seelenerguß, keine religiöse Erhebung und keine Erkrästigung im Glauben ohne die zwei Silben „Amen!" d. h. es ist glaubenswürdig, es werde wahr. Diese Glaubensoffenbarung als Vertrauen auf die Allmacht ist das zweite Naturgesetz der menschlichen Seele. Die Not lehrt beten und rufen: Eine feste Burg ist unser Gott! 3. Ein neues Phänomen. Der Geist des Menschen bestimmt sein Leben. Leben heißt Streben und Wirken. Beide fließen aus dem inneren Drange, sich zu betätigen. Es ist nicht nur eine denkende und empfindende Seele in uns, sondern auch eine wollende. Nicht gesondert aber von Vorstellen und Fühlen, nein, eins mit ihnen, tritt der Willen hervor, d. h. die innere Energie der individuellen Persönlichkeit, des Charakters. Willen ist nicht Trieb und Begierde, die, wenn man sie befriedigt, aufhören zu sein. Willen ist stetiges endloses Streben, das das ganze Leben beherrscht. Das sinnliche Begehren macht mich zum willenlosen Sklaven des Begehrten, der Wille wacht mich frei, frei von den Ketten des Zwangs und der Fessel des Müssens. Nicht weil es die Schule gelehrt, nicht weil es Vater, Lehrer, Erziehung und Gewohnheit vorschreiben, sondern weil ich etwas als gut erkannt, will ich es. Aber der Wille soll absolut gut, soll sittlich sein, und wenn er es ist, ist der Mensch religiös. Religion ist die Bildnerin des sittlichen Willens, Mutter der Moral, Lehrerin der Sittlichkeit, der Ethik (Vgl. H. Cohen: Religion und Sittlichkeit 1907.) Wodurch wird sie dies? Vor allem durch den Hinweis auf ein Ideal der Vollkommenheit, nach dem die Natur des Geistes als Persönlichkeit strebt. Wir brauchen führende Geister, leitende Muster, und Vorbilder und suchen solche in genialen Kraftgestalten, denen unser Wille nachschafft und nacheifert, weil ihr Vorleben als vollkommen gilt oder erscheint. Die angebeteten Idole der Heiden galten ihnen als fehlerlose Wegweiser, die schönheitsdurstigen Hellenen sahen in der vergötterten Aphrodite ein Vorbild irdischer Vollkommenheit, nicht anders ist es mit dem stoischen ^Weisen. Der indische Königssohn Buddha

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