Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Die Religion, ein Naturgesetz der Seele
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 79 (sequence 7)
- Language
- German
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79 Gefahren,, die ihm eigene Leidenschaften und Sünden bereiten, und gar erst die wildtobenden Leidenschaften anderer, sei's im Krieg, sei's im Frieden. Er fürchtet den Neid, die Mißgunst, die Scheelsucht, die Verleumdung, den Haß, den Groll, die Rache, gewaltige Mitstreber im Leben, und besitzt er auch die Fähigkeit, allen feindlichen Mächten, aus dem Wege zu gehen, es gibt keinen Menschen, der das Salz der Tränen nicht gekostet, so oft der Tod eindrang und ihm die Geliebten der Seele entriß. Mochte Epikur auch spotten über den, der den Tod fürchtet, und behaupten: „Ich und der Tod kommen nie zusammen, denn bin ich, so ist er nicht, und ist er, dann bin ich nicht da". — O, ich habe Tausende laufend Tode sterben gesehen, Tode, schlimmer als leibliches Nichtsein — Seelenqualen banger Todespein, lange vor den letzten Zuckungen. Die tragischen Schauer, die wir empfinden, wenn der graue Schleier der Mutter Sorge unsre Hallen durchweht, vermochte selbst der geistgewaltige Faust sie zu bannen? Als der Welteroberer Alexander der Große nach einem Siegeszuge von seiner Mutter erbat, daß sie zur Feier des Tages seiner Triumphe ihm nur Genossen zu Tisch lade, die niemals eine Sorge drückte, da kam keiner, denn Sorglosigkeit und Menschendasein schließen einander aus. So ist es denn wahr-. Furcht erzeugt Religion! — Wie wird sie gebannt? Durch Hoffnung, durch Zuversicht zu einer höheren Macht, die die Ohnmacht bewältigt. „Wer aber unter den Mächten ist Ewiger Dir gleich?" Nicht Gott als Schöpfer, sondern als Allmacht zwingt die Ohnmacht nieder. Auf dieser Stufe menschlicher Erkenntnis ist die Religion zum „Glauben" geworden, d. h. zu einem höheren Wissen und zu einem Fürwahrhalten dessen, daß die Flucht zur Allmacht allein Hoffnungsmut verleiht und Trost im Unglück, und die kräftigste Schutzwehr beut in Seelenangst, Qual, Not und Tod. In keiner Sprache kommt dies präziser zum Ausdruck, wie in der heiligen Sprache der Bibel, wo das Wort „Glaube" — Emuna — Vertrauen bedeutet (aus der Wurzel Emeth — Wahrheit) ein Wort, das allen Gläubigen,