Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Die Religion, ein Naturgesetz der Seele
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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78 desiderium von Millionen Betern aus Israel an den heiligsten Tagen des Jahres ist: „Es erkenne jedes Geschöpf, daß Du es geschaffen, es begreife jedes Gebilde, daß Du es gebildet hast!" Es ist hier dem Beter klar, daß Erkennen und Begreifen — jeda, jabin — zur Erfüllung dieses natürlichsten der Gesetze des Geistes erforderlich sind. 3 Religion ist aber nicht nur Gottesvorstellung, Ahnen oder Denken Gottes als des Urhebers des Alls, sondern zugleich auch Suchen nach einer Kraft, die von Leid befreit. Ich fühle Leid und will mich davon befreien. Wie ich nach Brot gehe, das den Hunger stillt, nach Wasser, das den Durst löscht, so suche ich nach Mitteln, meinen Schmerz zu stillen, meine Not zu lindern, meine Sorge zu scheuchen. Das Leben setzt sich zusammen aus Kämpfen und Mühsalen, und der angeborene, kaum zu beseitigende Trieb der Selbsterhaltung erfordert einen Ausweg, eine Zuflucht, von der der Geist ahnt, daß sie stärker sei als das Notgefühl oder als das, was das Notgefühl erzeugt. Wer kann es leugnen, was schon so oft hervorgehoben wurde, daß der Mensch als das unbeholfenste Wesen seine Ohnmacht von der Wiege bis zum Grabe empfindet? Während das Tier meist entwickelt zur Welt kommt, bedarf der Mensch einer langen Zeit zu seiner Entwicklung. Nur kurze Zeit bedarf das Tier seiner Mutter, weil es die Werkzeuge zu seinem Schutze vor Unbilden und feindlichen Angriffen mit sich bringt. Das Menschenkind geht, wie es im Sphinxrätfel heißt, des Morgens auf vieren, des Mittags auf zwei, des Abends auf drei Füßen. Es bedarf in seiner Hilflosigkeit der Pfleger und Erzieher, helfender und schützender Mächte, auch wenn es mündig geworden. Was vermag die Bildung und Kultur gegen das „non possnmus“ — d. h. „wir können nicht", angesichts der Schwächen und Gebrechen des Leibes, der Krankheiten, des Mangels, der elementaren Einflüsse, wie da und Stürme, schlagende Wetter, Feuer, Sonnenbrand, Dürre, Ueberflutungen, Fäulnis, Mißwachs! Und erst im Kampfe ums Dasein, was vermag der Mensch gegen das Schicksal, gegen die taufend und abertausend von