Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Die Religion, ein Naturgesetz der Seele
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 76 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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76 Ursache; alles Sein, Werden und Geschehen in Welt und Leben ist die Folge vorhergegangener wirkender Ursachen oder Kräfte. Alle Naturwissenschaft und alle Geisteserkenntnis beginnt mit dem „Woher" und „Warum". Auch die Religion. Aber während jene nicht auf die wirkende Ursache, die sinnlich wahrnehmbar ist, zurückgreift, und die Kraft selbst meist stofflich saßt und behandelt, macht die Religion erst Halt beider allerersten Causa efficiens — d. h. wirkende Ursache, der unmöglich sichtbaren Gottheit, weil, wenn sie sichtbar wäre, begrenzt von Raum und Zeit der vergänglichen Nichtigkeit alles Stofflichen anheimfiele. Hier ist der Anfang aller Religion: Gott ist der Urgrund alles Seienden. Die schöpferische Urkraft des Universums, also auch mein Schöpfer und Blldner: „Gedenke Deines Schöpfers". Dieses Wort Kohelets ist ein Imperativ des Geistes, ein Naturgesetz der Vernunft, eine Norm des logischen Denkens. Hier schließt der Verstand der Verständigen sich innig an das Bibelwort an, das nicht mit der Schöpfung, sondern mit dem „Anfang" der Urheberschaft der Schöpfung, beginnt: „Zu Anfang schuf Gott Himmel und Erde". Selbst der Meister des Pantheismus und der Begründer der heutzutage so sehr um sich greifenden monistischen Weltanschauung Spinoza's, der wie Aristoteles die Ewigkeit der Materie annimmt, konnte nicht umhin, die natura natuxans, d. i. die wirkende Gottheit zur Mutter der naturata d. i. Schöpfung, zu machen. Die Welt ist keine Maschine, sondern ein Organismus, stofflich und in der Kraft abhängig vom ersten Baumeister, Organisator, Ordner und Ueberwinder des Tohuwabohu, des finsteren Chaos, über welches sein Geist — Buach elohim — geschwebt hatte Der naturalistische Atheist, der Gott leugnet, hat die Konsequenzen des Naturgesetzes der Kausalität dort zu ziehen aufgehört, wo es galt, die Natur des Geistes geistig zu erforschen, und hat anstatt dessen die Konsequenz seiner Anschauung so weit verfolgt, daß er einen Geist, eine Seele überhaupt leugnet. Geistlos also belächelt er