Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Die Religion, ein Naturgesetz der Seele
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 74 (sequence 2)
- Language
- German
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74 das Allerhöchste, das wir „Gott" nennen. Wir bestimmen daher: Das Denken und Empfinden Gottes, und das diesem Denken und Empfinden gemäße Handeln ist die Religion. Es ist hierbei irrelevant, ob diese Gottesvorstellung eine unbewußte ist wie beim Kinde, das im stillen Kämmerlein auf Geheiß der Mutter die Händchen zum Gebete faltet, oder wie beim Verbrecher, der seine Untaten im Dunkel der Nacht vollführt, weil er den lichten Tag fürchtet. Ob die einen dem Triebe folgen, Schreckgestalten, häßlichen, unmoralischen Mächten, oder aber das überwältigend Glanzvolle, Sonnengleiche wie Alt-Babel und Assur zur Gotteshöhe erheben, ob ferner andere vor der ästhetischen Vollendung eines genialen Kunstwerkes das Knie beugen, wie in Hellas zur Zeit des Perikles, oder aber ob man die Schranken der griechischen Naturphilosophen durchbrochen, den Geist oder die Zahl zum Maße aller Dinge macht, wie in den Schulen nach Pythagoras, oder endlich, ob das Bewußtsein der allerhöchsten Offenbarung von dem Einen und All-Einen wie im Judentum und seinen Tochterreligionen Platz greift in den Menschenseelen: Alle, alle haben Religion. Auch die Heiden mit ihrer Fetischanbetung, wie die Bekenntnisse und Kulte, wo Schnitz- und Bildwerke Gegenstände der Anbetung bilden, erblicken in ihnen meist nur Symbole der allgemeinen Idee der Religion! Hieraus folgt, daß es ein Naturgesetz geben müsse für die Religion. Mit elementarer Gewalt ruft es aus allen Herzen und Geistern: Ich suche Gott, bewußt oder unbewußt empfinde ich ein Sehnen nach dem Himmel auf Erden. Worin liegt dies Naturgesetz der Religion? Nicht entstanden, nicht geboren, nicht ein- und abgelernt, nicht durch die Pforten der Sinne durch die Außenwelt in das Gemüt eingeströmt ist das Gottesbewußtsein. Es ist eingeboren und liegt im Geiste selber. Keine Urkunde hat dies klarer erwiesen als das Buch der