Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Die Religion, ein Naturgesetz der Seele
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 73 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111088-3114448--2887-3114541- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
David Leimdörfer. Frage, was Religion ist, wird verschieden beantwortet. Dem einen ist sie ein Bekenntnis, dem andern ein Glauben, dem Dritten eine Verzückung in das Uebersinnliche, dem Vierten ein andächtiges Schwärmen, dem Fünften eine Sehnsucht der Liebe, dem Sechsten ein unablässiges Aufgehen in Zeremonien und Werkheiligkeit, dem Siebenten Tugend und Moral. Alle diese Gesichtspunkte stießen aus individuellen Anschauungen des Intellekts, aus Erziehung in Elternhaus und Schule, aus Lebensgewohnheiten, Erfahrung, Neigung, Anlage, Wissen, Umgang und Verkehr, Handel und Wandel. Sie sind alle etwas Religion — die Religion sind sie nicht! Sie sind Parzellen aus dem großen Gefilde des Hohen und Hehren, das den Menschen zu einem religiösen Wesen macht. Die Religion muß für alle alles enthalten, muß zusammenfassen all die Eigenschaften, Gesinnungen und Tätigkeiten, welche das Vernunftwesen in die höhere Sphäre der Göttlichkeit hebt. Der Göttlichkeit, denn gerade im Mittelpunkte aller Religionswissenschaft steht