Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 69 (sequence 45)
- Language
- German
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69 Nachmittage. Die Ghettogeschichten von I. L. Perez hat Helena Frank ins Englische übersetzt. Besonders stark ist in Amerika die Regsamkeit auf dramatischem Gebiete. Die zahlreichen dort entstehenden jiddischen Theater müssen für ihr Repertoire sorgen, und dem entsprechen Wohl auch die Dramen von L. Kobrin: Der große Jude, von Isidor Kolotorowsky: Der Convertit, von Joseph Latteiner: Chosen und Kalle, von Z. Libin: Die Fremde u. a. Viel höher stehen schon zwei Dramen von S. Rabinowicz (Scholem Alechem). die beide gleichfalls aus demselben jüdischen Theater in New Aork aufgeführt wurden, wo das Publikum das oben erwähnte Drama von Scholem Asch mit Recht energisch abgelehnt hat. Demgegenüber ist die Ausbeute auf deutschdramatischem Gebiete nur kärglich. Zwei Dramen von Carl Hauptmann und V. Hahn und ein Oratorium von HedwigMüffelmann behandeln die Moses-Geschichte. Aus dem modernen Leben hat M. Bollag in seinem Schwank: Benjamin Kahn geschöpft und mit einem Chanuka-Festspiel: Die drei Wünsche hat A. Ackermann eine originelle Idee mit Geschick verwertet. Ein rechtes Tendenzdrama, das den jüngsten Blutprozeß behandelt, hat Jacob Scherek in seinem Schauspiel: Wahn geliefert. Merkwürdig ist es, wie gerade in dieser trüben Zeit die Sehnsucht nach erfrischendem Humor sich kundgibt. Zwei Sammlungen jüdischer Witze suchen diesem Sehnen entgegenzukommen; auch die Sammlung von Anekdoten aus dem Leben von Heine, Lassalle und Rothschild, die F. Salier angelegt, gehört in diesen Kreis. Dagegen ist auf dem Gebiete der lyrischen Poesie nur sehr wenig zu verzeichnen. In den neuen Balladen von Börries Freiherrn von Münchhausen finden sich einzelne recht hübsche, die jüdische Stoffe zum Vorwurf haben. Die hebräischen Dichtungen von N. Bialyk, den man wohl als den größten modernen Poeten bezeichnen darf, sind in englischer Übersetzung erschienen. Es ist in ihnen viel poeüsche Kraft und ein Reichtum an Gedanken und Phatansie. Es wäre schade, wenn ein 5