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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1908-01-01 · 11 (1908) · p. 62

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
11 (1908)
Article
Literarische Jahresrevue
Date
1908-01-01
Page
62 (sequence 38)
Language
German
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62 mit ihrn über modernes abendländisches Judentum. Sie geben ihm Gelegenheit, seinem Aerger über das europäische Judentum der Gegenwart nach der Seite des religiösen Lebens in mehreren Kapiteln Ausdruck zu geben. Ihn ärgern die Reformtempel, der Totenkultus im modernen Judentum, die Rabbiner und Vorbeter und Lehrer. Schonungslos werden Mißbräuche blosgestellt und fast alle Richtungen verurteilt. Besonders empört ist der Verfasser über die Totenfeier (Maskir) und das Waisenkaddisch, dessen Ursprung und Entwickelung er genauer untersucht. Offen gestanden scheint mir dieses Kapitel, das fünfte des Buches, das interessanteste, denn die Klagen Obermayers über den ^.otenkultus, der im modernen Judentum eine so überwiegende Rolle spielt, sind nicht neu. Orthodoxe wie reformierte Prediger haben stets dagegen geeifert. Doch geht der Verfasser in seinen Anklagen gegen das europäische Judentum viel zu weit, wenn man ihm auch oft recht geben muß, sobald er wirkliche Mißbräuche geißelt. Am schlimmsten kommen, wie gesagt, bei Obermayer die modernen Prediger weg. Aber mit Unrecht. Die Predigt hat im europäischen, besonders aber im deutschen Judentum eine solche Bedeutung erlangt, daß man sie aus dem Gottesdienst sich unmöglich mehr wegdenken kann. Allerdings wäre auf diesem Gebiete eine Entwickelung lebhaft zu wünschen. Die Predigt müßte auf der einen Seite moderner und auf den anderen jüdischer werden. Manchem wird das als eine unmögliche Forderung erscheinen. Sachkenner aber werden mir zugeben, daß sie eben nicht unmöglich ist. Die Predigt müßte einerseits sich mehr auf den Midrasch stützen, der jetzt ungebührlich vernachlässigt wird, und andererseits sich aber auch mehr mit dem Geiste der Zeit erfüllen, da doch die Kanzel für viele in unseren Tagen leider die einzige Stätte ist, die ihnen die großen Gedanken der Weltanschauung des Judentums vermittelt. Der Alt-

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