Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 42 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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L2 stellungen aus jener Zeitperiode. Da ist vor allem ein Buch von Max Bewer: Der deutsche Christus als typisch für die gesamte Literaturrichtung hervorzuheben. Der rote Faden, der sich durch das ganze Buch zieht, ist die Idee, daß Jesus von Nazaret nicht Jude, sondern Germane gewesen sei. „1800 Jahre vor Christus, vielleicht schon früher, fand eine nordgermanische Einwanderung in Galiläa statt. Eine blonde Raffe mischte sich mit dem schwarzen Typus des Orients. Aus dem Wohllaut der Psalmisten, aus dem Mute der Makkabäer, aus der geistigen Energie der Propheten, aus dem seelischen Ernst des Täufers Johannes, aus den Aposteln spricht fremdes Blut gegen Judenblut." Diese historischen Phantastereien bilden dann das Fundament für gleichartige psychologische Phantasiegebilde: „Sein trauertiefes Gemüt und der dunkle Vollschlag seines bis zum Tod entschlossenen Willens; sein schwermütig durch die Welt streifendes Auge, voller Mitgefühl und voll des tröstlichen Bemühens für jeden Leidenden; die sich zum niederen Volk hindrängende Fülle seiner helfenden Güte und wieder dann die schwere weltversunkene Ruhe seiner in Gott einsam gelagerten Seele . . . das alles ist niederdeutsch, von dem schweren Ernst der katholischen Westfalen, bald nachgiebig und hingebend von der feuchten fruchtbaren Milde der holländischen Marschen, flach und breit in die Ewigkeit verschwimmend, beethovensch still und ruhig, wie die selbstverlorene Gelassenheit der niederrheinischen Landschaft." Es ist schwer, bei solchen Betrachtungen ernst zu bleiben. Sie haben in der Tat mehr ein pathologisches als ein wissenschaftliches Interesse. Es ist aber doch nicht in Abrede zu stellen, daß sie im wesentlichen durch die Art der Behandlung provoziert worden sind, die die evangelische Theologie in neuerer Zeit dem Judentum gegenüber beliebt hat. Der Versuch, dieses aus dem Entwickelungsgang der Kulturgeschichte auszuschalten, geht wahrlich nicht von den Herren Chamberlain und Bewer aus. Gerade daraus aber erwächst für uns die unabweisbare Pflicht, auf der einen Seite gegen jeden Versuch einer