Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 28 (sequence 4)
- Language
- German
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28 nissen zusammen, die oben kurz angedeutet wurden. Hätten wir unabhängige Gelehrte, die nicht den Blick auf „gewollte oder gefürchtete Folgen für das praktische religiöse Leben" richten müssen, so würden diese unbekümmert ihren eigenen Weg gehen. Ganz entschieden müssen wir uns aber gegen Jacob wenden, wenn er meint, daß das Bestreben, populär zu sein, die Vertreter der Wissenschaft nur zur eigenen Korruption führen müsse. Das ist ein verhängnisvoller Irrtum, den bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts zwar noch viele Gelehrte geteilt haben, der aber heute, wo die Popularisierung der Wissenschaft einen solchen Umfang angenommen hat, kaum noch aufrecht zu erhalten ist. Es ist nicht richtig, daß das jüdische Publikum so ganz verständnislos, so ohne alle notwendige Voraussetzung sei, wie es Jacob in seinem Vortrag hinstellt. Ich bestreite das mit aller Entschiedenheit. Man darf da allerdings nicht den Maßstab der Bildung anlegen, die in früheren Zeiten in den jüdischen Gemeinden hie und da zu hause war. Aber man darf auf der anderen Seite doch auch nicht in Abrede stellen, daß in den letzten Jahrzehnten durch Bücher und Vorträge eine ganze Fülle von Bildungsmaterial in jüdische Kreise hineingetragen wurde. Ja, ich wage die Behauptung, daß diese von jüdischer Geschichte und Literaturgeschichte heute viel mehr wissen als dieselben Kreise vor fünfzig Jahren. Wollte man dieses neu erwachte Bildungsstreben geringschätzen oder vernachlässigen, so wäre das nicht nur ein Verbrechen an sich, sondern man würde der nun einmal doch auch notwendigen materiellen Förderung der Wissenschaft des Judentums den empfindlichsten Schaden zufügen. Nur durch die Popularisierung derselben haben jene Kreise überhaupt erst erfahren, was Wissenschaft des Judentums heißt und bedeutet; verlangt man von der Wissenschaft, daß sie zu dem Niveau des heutigen jüdischen Publikums nicht hinabsteigen dürfe, so schädigt man das Judentum und die Wissenschaft in gleichem Grade. Wenn wir von unseren Glaubensgenossen Opfer für die Wissenschaft fordern, so müssen wir ihnen doch auch das Ver-