Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5667
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 22 (sequence 18)
- Language
- German
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22 auch wenn sie in Rumänien geboren seien und dort den Militärdienst abgeleistet hätten. Fremde seien, die ohne weiteres ausgewiesen werden könnten. So hängt die Existenz der rumänischen Juden von der Laune des Polizeigewaltigen ab! Was hilft es da, wenn die Königin von Rumänien in ihren Denkwürdigkeiten ein Loblied auf die Juden singt? Es ist recht schön, daß die begabte Schriftstellerin Carmen Silva derart über unsere Glaubensgemeinschaft denkt — aber darum wird das Los nicht einer einzigen jüdischen Familie jenes Landes glücklicher gestaltet. Freilich ist es verkehrt, der hohen Dame daraus, wie es öfters geschehen ist, einen Vorwurf zu machen. Sie hat eben auf die Gestaltung der Dinge in Rumänien nicht den geringsten Einfluß. Diese hängt von dem verrotteten und bis zum Verbrechen selbstsüchtigen Adel ab, der allein die Herrschaft in Bukarest führt. Wichtiger ist, daß sich endlich dort eine politische Partei findet, die die Gleichberechttgung der Israeliten offen auf ihre Fahne schreibt. Es ist die sozialdemokratische, die, wie gleichfalls in anderen Ländern, jede Ungleichheit, auch die konfessionelle, grundsätzlich verwirft. Sie forderte die jüdischen Arbeiter aus, sich unter ihren Schutz zu stellen, und beschloß, die Zurücksetzung der Juden mit allen Mitteln zu bekämpfen. Noch ist diese Partei an Zahl nicht sehr stark. Aber es ist doch endlich ein Teil der einheimischen christlichen Bevölkerung gefunden, der gegen die skandalöse Verletzung alles Rechtes, wie solche den rumänischen Israeliten zugefügt wird, laut Verwahrung einleqt. Bis jetzt hatten das nur „Fremde" getan. Den vertriebenen rumänischen Juden gewährt das benachbarte Fürstentum Bulgarien bereitwillig Aufnahme. In Uebereinstimmung mit der großen Mehrheit der dortigen Bevölkerung und mit dem ausgesprochenen Willen des Fürsten verhindert die Regierung die Nachahmung russischer Pogrome mit großer und erfolgreicher Entschiedenheit. Unsere bulgarischen Glaubensgenossen haben sich nicht über irgend eine Zurücksetzung zu beklagen.