Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5667
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 23 (sequence 19)
- Language
- German
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Bei Gelegenheit seines Regierungsjubiläurns hat Fürst Ferdinand dern Großrabbiner seine vollen Sympathien für das bulgarische Judentum und sogar seine besonders „heißen Wünsche für dessen gedeihliche und fortschreitende Entwickelung" zum Ausdrucke gebracht. Das sind freundliche und wahrhaft teilnehmende Worte, wie wir Israeliten sie selten aus erlauchtem Munde vernehmen. Man mich bis auf die Balkanhalbinsel gehen, um zu hören, daß neben dem Christentum auch dessen Mutterreligion Gegenstand vollkommener Würdigung und heißer Segenswünsche seitens des Herrschers ist. Unter den mohammedanischen Ländern ist es noch immer Marokko, wo die Juden am meisten dem beutgierigen Fanatismus ausgesetzt sind. Der Ausbruch des Religionshasses gegen die Fremden, der im vergangenen Juli und August besonders in Casablanca stattfand, hat sich selbstverständlich auch gegen die Juden gerichtet. Mehr als fünfzig sind ermordet worden, ihre Häuser geplündert und schließlich verbrannt. Aehnlich ging es in Mogador zu. Tausende flüchteten nach Tanger, ja nach Europa. Die Alliance Israelite Universelle hat sich der Beraubten und Mittellosen rühmlichst angenommen, viele Gefangene von ihren Peinigern losgekauft. Wie lange wird es noch dauern, bis die europäischen Mächte jene Wilden gesitteten und rechtlichen Zuständen unterwerfen? In Persien hatte man die dort schon zur Gewohnheit gewordenen kleinen Judenkrawalle hier und da zu verzeichnen. Es scheint aber eine bessere Zeit für die persischen Israeliten anzubrechen. Die Verfassung, die der Volkswille dem schwachen und unfähigen Schah aufgezwungen hat, verkündet vollkommene staatsbürgerliche Gleichberechtigung aller die Landessprache redenden persischen Untertanen, Gewerbe- und Handelsfreiheit für jedermann, freie Ausübung und Selbstverwaltung aller Religionen. Berfassungsbestimmungen und deren Verwirklichung sind freilich zweierlei, aber daß die große Mehrheit des persischen Volkes solche Grundsätze billigt und feierlich ausspricht, ist doch ein ungeheurer Fortschritt in einem Lande, wo bisher der schiitische Fanatismus