Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5667
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 20 (sequence 16)
- Language
- German
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20 rein jüdischer höherer Schulen gestattet. In Warschau wird ein jüdisches Lehrerseminar gestiftet auf Grund reicher Spenden jüdischer Großindustrieller. Es ist diese Wendung immerhin ein Lichtblick in der Nacht russischer Zustände. Ebenso unwahr, wie die Anschuldigung revolutionärer Gesinnung, ist der Vorwurf, daß die Juden sich vorzugsweise der Militärpflicht zu entziehen suchten. Es gibt im aktiven russischenHeere53194 jüdische Soldaten, während ihrer nach dem Verhältnis der Seelenzahl nur 42 709 sein sollten, also 10 845 Soldaten oder vierundzwanzig Prozent mehr. Das sind wieder nackte Ziffern, die die Ungeheuerlichkeit und Verlogenheit der gegen die russischen Israeliten erhobenen Anklagen widerspruchslos erweisen. Und wir nichtrussische Juden selber waren immer so naiv gewesen, den Verleumdungen Glauben beizumessen und ganz demütig die angeblichen Verfehlungen des russischen Israel mit seiner unglücklichen Lage zu entschuldigen! Immer wieder müssen wir lernen, daß alles erlogen ist, was von den Reaktionären und Judenfeinden vorgebracht wird. Eine gründliche und dauernde Bessergestaltung aber in der Lage der russischen Juden kann nur von einer liberalen Wendung in den Gesamtverhältnissen des Zarenreiches erwartet werden. Allein eine solche steht leider noch in weitem Felde. Von innen heraus ist das russische Volk sie zu bewirken nicht imstande, — das hat sich in den letzten Jahren mit erschreckender Deutlichkeit gezeigt. Die anderen Mächte suchen wetteifernd die Freundschaft einer ebenso unfähigen wie mit dem Blut ihrer eigenen Untertanen befleckten Regierung. Da bleibt nur eine, recht schwache, Hoffnung: daß die europäische Finanz die Gewährung eines neuen Anlehens für das Zarentum von. der Genehmigung durch die Volksvertretung abhängig machen und damit der letzteren Einfluß begründet werde. Aber, wie gesagt, die Hoffnung ist nur gering, denn bisher hat erfahrungsgemäß aus schnöder Gewinnsucht ein großer Teil der — jüdischen wie nichtjüdischen — Finanzwelt sich zu immer neuen Geldopfern an den Moloch im Osten förmlich gedrängt.