Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5667
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 10 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3111067-3111088-3114446--2822-3114478- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
10 — gefunden, und zwar nach dem erst kürzlich dort eingeführten allgemeinen Wahlrecht. In einem Staate, in dem eine und eine Viertel Million Juden wohnen, zum Teil eng zusammengedrängt, mutzten selbstverständlich auch einige jüdische Abgeordnete aus der Urne hervorgehen. Indessen ist ihre Zahl geringer, als sie nach der Menge, der Intelligenz und dem wirtschaftlichen Einflüsse der österreichischen Israeliten hätte sein sollen: sie beträgt nur 12. Die Zwistigkeiten, grundsätzlicher und persönlicher Beschaffenheit, im Schoße der Judenheit selbst haben dieses mangelhafte Ergebnis herbeigeführt. Im ganzen war das Wahlresultat für die Sache der Israeliten, die überall mit der der freiheitlichen Weltanschauung verbunden ist, ein trauriges: die bürgerliche Demokratie erlitt eine schwere Niederlage, und dem Emporkommen der Sozialdemokratie steht ein viel beträchtlicherer Erfolg der klerikalen und nationalistischen Parteien gegenüber. Diese besitzen in dem Abgeordnetenhause die Mehrheit; und wie sie gegen die Israeliten gesinnt sind, weiß ein Jeder. So stehen den Juden in Oesterreich schwere Zeiten bevor. Es wird von ihrer ^eite großer Standhaftigkeit und beharrlichen Mutes bedürfen, um den Ansturm ihrer übermächtigen Gegner abzuwehren. Der greise Träger der Krone gewährt ihnen einstweilen noch eine gewisse Sicherheit. Kaiser Franz Joseph in seinem starken Gerechtigkeitsgefühl, in seinem gleichmäßigen Wohlwollen für alle seine Untertanen ohne Unterschied der Abstammung und des Bekenntnisses, ist auch den Juden ein milder und günstiger Herrscher. Er berief den Hofrat Professor von Schey in das Herrenhaus, wo nunmehr sechs Israeliten ihren Sitz haben. Man wird zu wehmütigen Vergleichen mit den preußischen Verhältnissen veranlaßt: von den zahlreichen Israeliten, die hier der allerhöchsten Gnade teilhaftig sind, ist noch kein einziger der Berufung in das Herrenhaus gewürdigt worden. Auch im österreichischen Heere avancieren die Juden. Während im aktiven Sanitäts-Offizierkorps Preußens es