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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1908-01-01 · 11 (1908) · p. 9

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
11 (1908)
Article
Rückblick auf das Jahr 5667
Date
1908-01-01
Page
9 (sequence 5)
Language
German
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9 zum guten Teil gehoben, sondern auch der grundsätzlichen Vernachlässigung des jüdischen Religionswesens durch den preußischen Staat ein Ende bereitet werden. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat seinerseits, getreu seiner besonderen Aufgabe, bei dem Minister des Innern lebhafte Beschwerde gegen die Mißhandlung jüdischer Kurgäste an einzelnen Badeorten, zumal in Borkum, erhoben; es ist ihm die Erhebung der Anklage Wider die dabei beteiligten Personen zugesagt worden. Es scheiterten dagegen, bedauerlicherweise, die Bemühungen des Zentralvereins zur Bekämpfung der antisemitischen Partei bei den im vergangenen Winter vollzogenen Wahlen zum deutschen Reichstage. Die Zahl der antisemitischen Abgeordneten stieg von 14 auf 17 und zwar lediglich infolge des Umstandes, daß in den Stichwahlen nicht allein die Nationalliberalen, sondern auch viele Freisinnige lieber für den Antisemiten als für den Sozialdemokraten stimmten. So betrübend eine solche Verirrung des „Liberalismus" an sich ist, tröstet sie doch wieder durch die Tatsache, daß die eigentlichen Antisemiten nur in sechs Wahlkreisen die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinten. Es wird die Aufgabe des „Zentralvereins" sein, nach Kräften auf die liberalen Wähler einzuwirken, damit eine solche Sünde gegen den Geist des Liberalismus nicht wieder begangen werde. Wenig erfteulich ist auch die Tatsache, daß — mit Ausnahme der sozialdemokratischen Namensjuden — kein einziger israelitischer Kandidat bei den Wahlen den Sieg errungen hat. Damit sind die Juden als solche im Reichstage mundtot gemacht, weil die sozialdemokratischen Stammesgenossen niemals für deren Rechte und gesetzlichen Ansprüche rednerisch Eintreten. Freilich ist sonst die politische Lage uns nicht ungünstig. Die „Blockpolitik" wird die Regierung und die konservative Partei zur Berücksichtigung des Liberalismus und damit auch der politischen und religionspolitischen Lage der Judenheit nötigen. Auch in dem Nachbarreiche Oesterreich haben Neuwahlen zum Abgeordnetenhause des Reichsrates statt-

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