Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Mischpoche
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 262 (sequence 61)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3111067-3111086-3114157--2796-3114431- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
262 Begriff sich barg. Mischpoche! Fast wie ein Schwindelanfall überkam es ihn und wirre Vorstellungen kreisten in seinem Hirn. Aber er gewann das Gleichgewicht bald wieder und außer Betty hatte niemand etwas von dem Vorgang gemeE, der sogar den Augen seiner sonst so aufmerksam ihn beobachtenden Gattin entgangen war. Hingen diese Augen doch heute Abend in stolzer Mutterfreude an den Kindern und Enkeln, die sie so lange hatte entbehren müssen. Was gab es Alles von ihnen zu erzählen und zu berichten: Maxens Aelteste, Käthe, würde Oktober schon in die Schule gehen, und Fritz und Hansi hatten sich bei Tisch so manierlich wie erwachsene Leute benommen, das jüngste Aennchen war dagegen noch nicht kourfähig, wie Betty lachend erklärte „stubenrein", aber Arthurs, deszweiten Sohnes, vierjährige Ellen durfte schon, auf Stündchen an der großelterlichen Tafel erscheinen, weil „Jontef" war, wie ihre Mutter ihr erklärte, worauf sie rnit großen verwunderten Augen alles betrachtete und endlich verlangte, Kurtchen und Baby, ihre jüngeren Geschwister, sollen auch „Jontef" bekommen. Als nach beendeter Mahlzeit die Kleinen mit ihren Bonnen nach Hause geschickt worden waren, ließen die Anderen sich in Mutters gemütlichem Rundsalon uod) zum Plaudern nieder. Wie lange waren sie nicht mehr so beisammen gewesen, wie lange hatte man auf dieses trauliche, vertrauliche Beieinander verzichten müssen. Jetzt, wo sie die ganze Innigkeit und Harmonie dieses Familienlebens wieder gewonnen, empfanden sie erst was sie vermißt hatten. Ein jeder von ihnen war in dieser Zeit seine eigenen Wege gegangen, hatte verschiedene Interessen verfolgt und wenn sie auch in herzlicher Geschwisterliebe an einander hingen, es hatte doch der Mittelpunkt gefehlt, das Elternhaus, das sie, unter einem schützenden Dache, auf den' starken Säulen der Liebe ruhend, zu einer Gemeinsamkeit vereinte. Von den einzelnen Erlebnissen wurde nun berichtet und was sich zugetragen irn Laufe der Jahre. Ihr Leben hatte in ruhiger Weise und immer aufsteigender Linie sich