Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Mischpoche
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 261 (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111086-3114157--2795-3114430- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
261 Die im Silberschmuck der Gerätschaften prangende Tafel bot einen herrlichen Anblick, noch herrlicher aber war das Familienbild, das sich um sie gruppierte. Die jungen, blühenden Söhne, die schönen, anmutigen Töchter, die lieblichen Kinder, um dieses Elternpaar von edler Würde. Frau Sofie sah wie verjüngt aus. Die Spuren der letzten, in vielen heimlichen Sorgen verbrachten Jahre, schienen weggewischt; sah ja auch der Gatte am heutigen Abend wieder kräftiger und ftischer aus, als während dieser langen Trennungszeit. Ein freudiger Glanz ruhte über seinem Antlitz, die Gestalt war zu ihrer ehemaligen Straffheit emporgereckt und aus den Augen leuchtete die frühere Energie. Einem scharfen Beobachter wäre es jedoch nicht entgangen, daß diese Elastizität nur hervorgerufen war durch die freudige Erregung dieser Stunde, durch die in ihrer symbolischen Bedeutung Herz und Geist zu höherem Aufschwung anregenden religiösen Gebräuche, durch das beglückende Gefühl, daß diese trefflichen Menschen seine Kinder, diese Jugend eine Familie bildet, die die Gewähr einer gesegneten Zukunft böte. Und als während der Mahlzeit Max sein Glas erhob und auf das Gedeihen der „Mischpoche" anstieß, trank er ihm mit einer fast jugendlichen Lebhaftigkeit zu. Aber im selben Augenblick schwankte der Kelch in seiner Hand und einige Tropfen des roten Weines stoffen auf das Tischtuch. Ein Schatten fiel über sein soeben noch in Heiterkeit strahlendes Gesicht, über das eine jähe Bläffe sich ausbreitete. Den klugen Blicken Betty's, seiner ältesten Schwiegertochter, war diese plötzliche Veränderung nicht entgangen, die zwar rasch vorüberzog, aber ihre Besorgnis wachhielt. Sie hatte es genau gesehen, daß er bei dem Worte Mischpoche, das ihr Mann mit scherzhafter Betonung in feinem Trinkspruch hervorgehoben hatte, zusammenzuckte, als würde seine Seele schmerzlich berührt, ja, als verursache ihm dieses Wort einen physischen Schmerz. Sie hatte sich auch nicht getäuscht. Wie im Fluge zogen die Erinnerungen an seinen Geist vorüber. Die Vergangenheit stieg vor ihm auf und Alles, was für ihn in diesem