Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Mischpoche
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 258 (sequence 57)
- Language
- German
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258 „Das erwarte ich auch nicht", hatte Frau Sofie erwidert. „Es ist soviel Weichheit und Zaghaftigkeit jetzt in seinem Wesen, daß es mir oft in tiefster Seele wehtut, ihn so zu sehen. Er ist früh, viel zu frLH alt geworden, und 1 über sein Haupt ist die Schuld der Anderen gekommen ..." Ein leiser Ton von Verbitterung klang an . . . „Dieser Anderen", gab er mit einem Ausdruck von Entrüstung zurück, „von denen man nicht weiß, ob das Mitleid oder die Verachtung größer ist, die sie einfiößen". „Wir wollen von ihnen nicht sprechen. Gerade das muß man ihm besonders fernhalten bis auf die Erinnerung womöglich, und darum will auch ich zunächst nichts darüber wissen . . ." „Aber wenn Ihr heimkehrt?" „Vielleicht schließt sich die Wunde bis dahin . . „Ich hätte damals in Heringsdorf wirklich nicht gedacht, daß diese fatale Sache Papa so tief gehen würde. Es hatte den Anschein, als würde er gerade um seiner großen Empörung willen leichter darüber hinwegkommen . . ." „Er liebte seinen Bruder sehr! Nicht nur geschwisterliche Zuneigung war es, was sie verband, er hatte für ihn auch eine fast väterliche Liebe und Treue. Und bedenke auch die große Wegstrecke, die sie miteinander zurückgelegt, so in Leid und Freud und tausend Sorgen und Kämpfen, fo aus kleinem Anfang, aus Irrtum und Fehl emporsteigend, Schulter an Schulter . . . das ist ein unlösbarer Kitt sollte man meinen! Und nun bröckelte er ab und barst dann mit gewaltsam klaffendem Riß . . . Das läßt sich doch wohl nicht überwinden ... so, wie wir meinten, und man muß Acht haben, daß die Wunde vernarbe, damit er sich nicht innerlich verblute . . ." „Aber was soll geschehen, Mutter?" „Liebe . . . Liebe . . . teurer Sohn, muß ihn unausgesetzt umgeben, behüten . . ." „Ja, war das nicht immer der Fall?" „Vergiß nicht, daß er stets der Gebende war, was er empfing, war der Abglanz seiner edlen Persönlichkeit,