Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Mischpoche
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 257 (sequence 56)
- Language
- German
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257 seiner persönlichen Freiheit nicht auszusetzen, gingen sie nach Florenz, wo sie sich zu bleibendem Aufenthalte niederließen. Diese Veränderung wirkte wohltätig auf die Sttmmung des Kommerzienrates, es war als ob er dem Schauplatz der Ereignisse entrückt, seine frühere Spannkraft und das Gleichmaß seiner Seele wiedergewinnen würde. Die hingebende Zärtlichkeit und Sorgfalt, mit der Frau Sofie und Dorochea ihn umgaben, die entzückende Natur des herrlichen Arnotales, in dem Florenz, dies wundersame, mit feinen Kunstschätzen ihm höchste - Anregungen gewährte, gab seinem Geist neue Fische und seinem Körper wiedererwachende Kraft, und nur wie ein leichter Schatten lag über ihm ausgebreitet, was in jener Zeit tiefer seelischer Erschütterungen sein Herz in Aufruhr gebracht, mit Bitterkeit erfüllt hatte. Der Arzt hatte geraten die Abwesenheit von der Heimat möglichst lange auszudehnen, den Kontakt mit den dortigen Verhältnissen einzuschränken, ja selbst nicht einmal zu kurzem Aufenthalt nach Berlin zurückzukehren und auch die nächsten Angehörigen womöglich nicht wiederzusehen, damit nichts an die Vorgänge erinnere, die so beunruhigende Erscheinungen im Befinden des Kommerzienrats hervorgerufen hatten. So bürgerten sie sich völlig ein in Italien und blieben im ersten Jahre, sogar während des Sommers, in den apeninischen Bergen, während sie im zweiten Sommer an einem abgelegenen Schweizer Ort sich niederließen. Nur Max, der älteste Sohn, war einmal auf einige Tage zu Besuch nach Florenz gekommen, hatte von dem Ergehen der Brüder, der Schwiegertöchter und Enkel Erfreuliches berichtet und war bald wieder abgereist, um die stille Zurückgezogenheit, in der die Eltern lebten, und die dem Vater augenscheinlich gut bekam, durch nichts zu stören. Im Gespräch mit der Mutter gab er allerdings seiner Befürchtung Ausdruck, daß die machtvolle, ehrsurchtgebietende Erscheinung des Vaters doch so sehr unter den Einwirkungen dieser traurigen Angelegenheit gelitten habe, daß er kaum zu hoffen wage, ihn je wieder ganz in ftüherer Tatkraft zu sehen. 17