Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Mischpoche
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 242 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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242 Vorangegangenen Tage doppelt angenehm. Jeder lebte ganz seinem Behagen und seinen Neigungen und nur die Mahlzeiten vereinten sie zu herzlichem Beieinander. Betty, die nach der Abreise ihres Mannes sich ganz ihren Kindern widmete, verbrachte beinahe den größten Teil des Tages unten am Strande, wo Tante Dortha, der Abgott der Kinder, mit ihnen spielte. Oben in der schattigen Veranda aber saßen die „Alten", wie der Kommerzienrat diese Gruppe lächelnd bezeichnet hatte, redeten „Tachles", wie er es nannte, und vertieften sich in die Erinnerungen an vergangene Zeiten und die Interessen und die Entwicklung der Mischpoche. Es erstand aus diesen Reminiscenzen und Ausblicken ihnen ein freudig-wehmütiges Gefühl. Viele' aus diesem weitverzweigten Kreise waren abgeschieden; gestorben die einen, verdorben manche andere, wie es in einer so großen Familie nicht anders sein kann. Zu Ansehen, Ehren und Reichtum waren manche gekommen, andere waren im Dunkel geblieben und Kümmerlichkeit. Alles im Allem durfte man zufrieden sein. Und die Frage nach dem und jenen fand vielfach befriedigende Antwort. „Es ist etwas merkwürdiges, um derartige Judenfamilien, wie sie aus den bescheidensten, in Engnis und Kleinheit, Bedrängnis, Verfolgung, Aechtung wurzelnden Anfängen sich durcharbeiten und durchsetzen, mit einer Zähigkeit und Ausdauer, die einzig dasteht in der Geschichte der Menschheit", sagte Dr. Seligsohn, als sie an einem dieser Nachmittage wieder plaudernd beisammen waren. Nachdenklich sah er dem Rauch seiner Zigarre nach und seine Gedanken gingen zurück zu den wunderbaren Entwicklungsphasen seines Volkes. Frau Sofie, die den Nachmittagskafo auf englischer Maschine am liebsten selbst bereitete, füllte die Tasse des teuren Gastfreundes und fügte hinzu: „Und wo man hinblickt, die gleiche Erscheinung. Nicht wir und nicht die und jene dürfen sich einbilden etwas erreicht zu haben. Wohin man sieht in der Judenschaft von heut, dasselbe Bild; überall erzählen sie, manchmal laut prah-