Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Mischpoche
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 228 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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— 228 — „Ob Du's mir glaubst, ganz habe ich jene Zeit noch nicht überwunden . . ." „Ich fühl's Dir nach. In feinbesaiteten Seelen vibrieren Schmerz und Beschämung ewig fort. Was immer auch das Leben später Großes und Erhabenes, bringt, nichts vermag sie auszulöschen Man vergißt, man verzeiht, oder besser, man glaubt zu vergessen, man glaubt zu verzeihen . . .- aber die leiseste Berührung weckt einen Ton, wie aus verklungenen.Welten . . . jenen Welten, die in uns rufen." Der Kommerzienrat ergriff die Hand des neben ihm Sitzenden und drückte sie kräftig. „Du wirst verstehen, was mich späterhin leitete. Alle die gräßlichen, ehrenrührigen, demütigenden Angelegenheiten, die der Bankrott im Gefolge hatte, erlasse mir Dir zu schildern. Es ist wie ausgestoßen fein aus der Gemeinschaft der Ehrlichen. Das Gesetz schützt den Unglücklichen, den die bürgerliche, Gesellschaft ächtet. In jenen Zeiten, und besonders unter uns Juden,- empfand man das noch nicht so scharf, und auch mir fehlte wohl das rechte Verständnis für die Tragweite, solcher Ereignisse . . . Eine Pleite . . . eine mehr!; Was lag daran, die Hcurptsache ist, mit einem anständigen Akkord wieder von vorne anzufangen. In mir war ein - dumpfes, dunkles Gefühl, das anderes sprach, aber ich ging den Weg, den alle gingen . . . und wieder war es. Dein Vater und wieder war es die Mischpoche, die uns auf die Füße stellte. Auf festere diesmal, / so schien es. Das Geschäft hob sich, gedieh, bekam einen guten Namen. Ich mutz es mir und Israel nachrühmen, wir waren unermüdlich, arbeiteten Tag und Nacht, nutzten jede kleinste Konjunktur aus, machten die schlimmen Erfahrungen von ehemals uns zuNutze, und standen schon nach wenigen Jahren so angesehen da, daß Mendel Rosenzweig aus Posen mich zu seinem Schwiegersohn machte. Was das zu damaliger Zeit bedeutete, davon kann man sich heute keine Vorstellung machen. Ich wußte, daß ich mit dieser Verbindung der höchsten Ehre und des höchsten Vertrauens gewürdigt wurde, und was mehr galt. .