Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 10 (1907)
- Article
- Mischpoche
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 227 (sequence 26)
- Language
- German
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227 seine ganze tiefe Bedeutung in Leid und Freud mir klar wurde, klarer und verständlicher, je mehr das Leben uns damit umschlingt, je mehr das Leben uns davon entfernt, abstößt." Hart kam dieser Ausruf von seinen Lippen. „Mischpoche! Seltsame Gemeinsamkeit, seltsame Zusammengehörigkeit! Wurzelfest, aber nicht immer wurzelecht! Ich hab's erlebt, ich Hab's erlitten!" Er machte eine nachdenkliche Pause, und mit leiser Wehmut in der Stimme sagte Dr. Seligsohn: „Wem geht es anders von uns, die Treue halten wollen? Wem wird es nicht schwer gemacht, oft unmöglich ..." Der Kommerzienrat blickte auf. „Dein Vater wußte, was diese Familiensolidarität zu bereuten hat. Er ging auf meinen Plan ein und trat mit soviel! Eifer und-Energie für uns ein, daß Israel und ich schon nach einigen Monaten, im Jahre 1841 in den: schlesischen Gebirgsstädtchen Weißenburg ein Baumwollwarengeschäft eu gros und en detail etablieren konnten. Der Boden war günstig. Von Weißenburg, damals noch in den ersten, schüchternen Anfängen stehend, entwickelte sich später die große, schlesische Leinen- und Baumwollenindustrie, die einen Ehrenplatz in der Geschichte des deutschen Handels einnimmt ... „Die Firma Gebrüder Löwenberg hat nicht wenig dazu beigetragen . . ." „Gewiß, gewiß ... ich darf es mit Befriedigung sagen. Aber erst haben wir Lehrgeld gezahlt . . . richtiger", ein seines, spöttisches Lächeln durchzuckte sein Antlitz, „haben unsere Gläubiger es für uns bezahlt. Israel und ich hatten nicht viel zu verlieren, an Einsicht und Erfahrung gebrach es uns auch, dagegen besaßen wir beide wohl genug Wagemut, um uns an geschäftlichen Manipulationen zu betelligen, von denen wir nichts verstanden und die vor allen Dingen unsere Mittel überstiegen . . . kurz ehe drei Jahre ins Land gingen, waren wir pleite . . ." . Ein schwerer Atemzug hob seine Brust und dunkle Schatten fielen auf sein edles Antlitz. 15*